Interview

„Wichmänner gibt es überall“

Andreas Dresen hat einen Film über einen Politiker gedreht. Ein Gespräch über Kleinkram, Provinz und den empörten Bürger

Mit dem Berlin-Episodenfilm „Nachtgestalten“ avancierte Regisseur Andreas Dresen 1999 zu einem Hoffnungsträger des neuen deutschen Kinos. All seine Filme sind präzise im ostdeutschen Milieu angelegt, das gilt auch für die zwei Dokumentarfilme über Henryk Wichmann, den Dresen zum ersten Mal anlässlich der Bundestagswahl 2002 durch Brandenburg begleitete. Eckhard Fuhr hat sich mit ihm getroffen.

Berliner Morgenpost:

Herr Dresen, mögen Sie eigentlich Henryk Wichmann?

Andreas Dresen:

Ja, ich mag ihn. Er ist zwar nicht in der Partei, die ich wählen würde, und wenn wir uns über Politik unterhielten, würden wir aneinander geraten, da bin ich mir ganz sicher, aber in der Art, wie er seinen Beruf auffasst, wie er sich ins Zeug schmeißt, da ist er mir sympathisch.

Ist er ein Vorbild als Politiker?

Na ja, jedenfalls finde ich es beeindruckend, dass er so frei von Zynismus geblieben ist, obwohl er doch jetzt auch schon zehn Jahre im Politikbetrieb steckt. Ich habe ihn das ganze Jahr über, das ich ihn begleitet habe, nicht ein einziges Mal die Augen rollen sehen. Mit den Menschen meint er es wirklich ernst, so wie er sich auch im Film zeigt.

Was treibt Herrn Wichmann eigentlich an?

Ich glaube, es macht ihm einfach Spaß. Er freut sich wie ein kleiner Junge, wenn er es schafft, dass ein Zug in einem Provinzbahnhof nicht nur hält, sondern auch die Tür aufmacht. Solche kleinen Erfolge machen ihm Freude und geben ihm Energie. Er hat das Gefühl, dass er an dem Platz, an dem er ist, etwas bewirken kann. Das hat fast etwas Kindliches. Dazu kommt der Wunsch, wieder gewählt zu werden, wie bei jedem Politiker. Er muss ja 2014 wieder antreten.

Hat er eine Mission, die darüber hinaus geht? In jedem der drei Bürgerbüros, die er in seinem Wahlkreis eröffnet, hängt er zunächst einmal ein Kruzifix an die Wand. Will er da ein christliches Zeichen setzen in diesem gottlosen Brandenburg?

Ja, vielleicht schon. Er ist Protestant und mit einer Katholikin verheiratet, er praktiziert die Ökumene in seiner Familie. Er ist ein gläubiger Mensch. Das strahlt aber nicht direkt in seine politische Arbeit hinein. Er tritt nicht als christlicher Missionar auf.

Ist so eine Figur wie Henryk Wichmann nur im Osten Deutschlands möglich? Oder kann man sich so einen auch in Nordrhein-Westfalen vorstellen?

Wichmänner gibt es überall. Ich glaube, dass es viel mehr davon gibt als wir gemeinhin annehmen. Ein Großteil des Politikbetriebs kann nur durch solche Leute funktionieren. Man unterschätzt, was Kommunalpolitiker leisten. Ich habe ja in diesem Jahr nicht nur Henryk Wichmann kennen gelernt, sondern auch ein paar andere Abgeordnete. Was die so wegschleppen, da habe ich Respekt vor.

Muss man die Politiker gegen ihre Kritiker, gegen die Medien in Schutz nehmen? Woher kommt eigentlich ihr schlechtes Image?

Man muss sie in Schutz nehmen, nicht alle natürlich, und die Medien müssen ihre Kontrollfunktion wahrnehmen. Aber manchmal ist die öffentliche Meinung etwas schlicht gestrickt. Da sitzt dann jemand wie Wichmann in einem seiner Bürgerbüros, und seine Besucher schimpfen, dass „die Politiker“ sich nicht für die kleinen Leute interessierten und nur an ihren Diäten interessiert seien. Da muss man sich schon fragen: Wo haben die eigentlich ihre Meinung her? Wir sollten vorsichtig sein mit solchen Pauschalurteilen. So wie sich Wichmann und andere im Kleinen ins Zeug legen, so geht es auch im Großen zu. Das vermute ich jedenfalls. Ich wäre gern einmal mit der Kamera dabei, wenn Angela Merkel eine ganze Nacht lang mit ihren europäischen Kollegen verhandelt.

Sie haben jetzt längere Zeit das Funktionieren eines Landtages beobachten können. Was hat Sie denn an diesem Politikbetrieb am meisten überrascht?

Am meisten war ich überrascht von der Kleinteiligkeit. Ich hatte mir die Politik irgendwie in größeren Linien vorgestellt und dachte auch, für Wichmann würde sich im Verlauf des Jahres ein Thema heraus kristallisieren, an dem er kontinuierlich arbeitet. Das war aber nicht so, die ersten Monate waren regelrecht konfus. Nun ist das in einer Regierungspartei, die die Themen setzen kann, sicher ein wenig anders als in der Opposition. Ich war jedenfalls perplex angesichts des Kleinkrams, in den sich Wichmann vertiefen musste. Und Landtagssitzungen können unglaublich langweilig sein. Wenn man sich das den ganzen Tag antut, lernt man verstehen, warum Abgeordnete im Plenum Zeitung lesen oder Sudoku spielen.

Wie nah kamen Sie beim Drehen heran? Es ergeben sich in dem Film immer wieder Momente, in denen die Leute auf die Kamera reagieren, ihre Haltung oder ihre Sprechweise ändern…

Jeder Dokumentarfilm ist Wirklichkeit plus Anwesenheit der Kamera. Wenn Menschen gefilmt werden, ändern sie sich. Das ist nun einmal so. Mit Wichmann hatte ich noch Glück. Dem war zwar bewusst, dass eine Kamera dabei ist, aber das hat seinen Habitus überhaupt nicht verändert. Dem war das egal. Bei den meisten ist das nicht so. Allerdings setzt mit der Zeit Gewöhnung ein. Die Landtagsabgeordneten haben irgendwann nicht mehr registriert, dass ich da war, weil ich immer da war.

Manchmal kommt in ihrem Film Landschaft vor. Sie zeigen die Trostlosigkeit mancher Dörfer in der Uckermark, aber dann kommen Sonnenuntergänge, die einen dahin schmelzen lassen. Ist „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ auch ein Heimatfilm?

Na ja, wir waren die ganze Zeit in der Uckermark. Das ist nun mal eine schöne Gegend. Auf die Dreckecken halten wir ja auch drauf. Aber zur Wirklichkeit, in der Wichmann sich bewegt, gehört eben auch die landschaftliche Schönheit seiner Region. Das ist eine traumhafte Gegend. Ich kann die Leute verstehen, die dort ein Wochenendhäuschen haben wollen. Und dem Film tut es gut, wenn man ihm ab und an etwas Luft gibt, etwas Ruhe. Künstlich harmonisieren wollte ich mit den Landschaftsaufnahmen nichts.