Philharmonie

Frisch und innovativ: „Moses und Aron“ unter Cambreling

Schwach besucht, doch stark gespielt – da ist immer noch besser als umgekehrt.

In diesem Falle ging es in der leider nur halbvollen Philharmonie künstlerisch geradezu haushoch her. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg führte unter der unerbittlich herausfordernden Leitung von Sylvain Cambreling Schönbergs „Moses und Aron“ zwei geschlagene pausenlosen Stunden lang mit höchster Energie und höchstem Gelingen auf. Unterstützt dabei von der phänomenalen Europa Chor Akademie aus Mainz und Bremen unter ihrem Gründer Joshard Daus und bestückt mit einer Fülle hervorragender Solisten.

So viel Vollkommenheit hört man selten. Da werden sich unsere Philharmoniker unter Sir Simon Rattle schwer am Riemen reißen müssen, um bei ihrem Musikfest-Beitrag, Gershwins „Porgy and Bess“, mit den Gästen künstlerisch anspruchsvoll Schritt zu halten. Am Überwältigendsten ist gleich zu Anfang Schönbergs Idee, dieses Mammutwerk der unendlichen Herausforderungen dem Opernrepertoire anzuvertrauen. Es reckt und streckt sich nach allen Seiten über alle Herkömmlichkeit hinaus. Es versucht, Gott und Welt und Menschheitsglaube in einer musikalischen Gloriole zusammen zu schließen und resigniert davor am bitteren Ende: „O Wort, du Wort, das mir fehlt“. Schönberg verzichtete in imponierender Weisheit den beschließenden Akt seines Riesenwerkes zu komponieren. Er beließ „Moses und Aron“ als Fragment. Aber selbst in dieser Form zeigt sich das Werk herausfordernd. Es hat keinen festen Platz im Opernrepertoire finden können, auch nach achtzig Jahren und vielen Versuchen noch nicht. „Moses und Aron“ scheint von der Bühne uneinnehmbar.

Darum bietet sich das Riesenwerk natürlich für konzertante Aufführungen an, die allerdings mit allen Seelen- und Geisteskräften durchackert werden wollen. Nie und nimmer wird mit dem höchsten Anspruch religiöser Fußball gespielt. Zwar werden die Tore sorgfältig aufgestellt, doch Cambreling hütet sie sorgfältig vor jedem musikalischen Missbrauch. Er hat dabei hervorragende Helfer. Franz Grundheber spricht mit seiner tiefen Stimme den Moses. Als Aron antwortet ihm mit hervorpeitschendem Tenor Andreas Conrad. Man lernt: Da kommt ein musikalisches Jahrhundert zu Besuch, das nicht danach klingt, als sei es abgelaufen. Schönbergs „ Moses und Aron“ ist erstaunlich frisch und aufrührerisch innovativ geblieben.