Filmdebüt

Der Grusel entsteht im Kopf

Das Filmdebüt der Berliner Regisseurin Alex Schmidt ist der einzige deutsche Beitrag auf dem Festival in Venedig

Sie stand gerade bei Rossmann an der Kasse, als das Handy klingelte, und der Empfang war schlecht. Ihre Produzentin war am Apparat und klang erregt: Dein Film geht nach Venedig! Bei den 69. Filmfestspielen am Lido führt der deutsche Film ein Trauerspiel. Nicht ein Beitrag in allen Sektionen. Bis auf "Du hast es versprochen" von Alex Schmidt. Die Filmdebütantin repräsentiert damit ganz allein ihre Heimat. Mit einem Horrorfilm. Aber darüber will sie gar nicht nachdenken. Es ist schon genug für die 34-Jährige, dass sie gleich mit ihrem ersten Langfilm auf ein internationales A-Festival eingeladen wird.

Ein Mystery-Thriller

Sie sieht eigentlich ganz nett und sympathisch aus, mit ihrem offenen Blick und ihrem offenen Wesen. Aber Alex Schmidt liebt Horrorfilme wie "Saw", die mit höchst unappetitlichen Szenen nicht eben geizen. Und sie versteht einfach nicht, warum solche Filme nicht auch in Deutschland gedreht werden. Nachdem sie mit Freunden "Silent Hill" sah, noch so ein verstörendes Werk, war die Idee geboren: Das können, das machen wir auch. "Du hast es versprochen" ist ein Mystery-Thriller um zwei junge Frauen, die eigentlich genauso vertrauenerweckend wirken wie die Regisseurin. Die als Kinder dicke Freunde waren und sich nach Jahren wieder treffen. Sie fahren noch einmal nach Hiddensee, dem Schauplatz ihrer Kindheit. Und stoßen dort auf ein dunkles, lange verdrängtes Geheimnis, an dem sie nicht ganz unschuldig waren. Der Film kommt weitgehend ohne blutige Details aus, und doch, oder gerade deshalb, stehen einem ständig die Haare zu Berge. Der Grusel entsteht im Kopf. Gedreht wurde er in großen, cineastischen Bildern. Und würde man nicht nach den ersten zehn Minuten den Schriftzug "Fisch" lesen oder den einen oder anderen Schauspieler erkennen, man glaubte kaum, einen deutschen Film zu sehen. Hollywood geht auch auf Hiddensee.

"Du hast es versprochen" wurde unter widrigsten winterlichen Umständen auf dieser Insel gedreht. Entstanden ist er aber über vier Jahre in der kleinen Einzimmer-Arbeitswohnung im Prenzlauer Berg, die sich Alex Schmidt mit ihrem Drehbuchautor teilt. Am Küchentisch haben sie die Geschichte ausgeheckt, vor der Spüle wurde das Drehmaterial ein Jahr lang geschnitten. Und drüben, im einzigen Zimmer, ist eine komplette Apparatur aufgebaut, hier wurde das Sounddesign entwickelt. Der ganze Horror auf 22 Quadratmeter. Für die Hauptrollen gewann Alex Schmidt zwei noch relativ unbekannte Schauspielerinnen, für die Nebenrollen aber Stars wie Max Riemelt, Clemens Schick und Katharina Thalbach. Anfangs hat sich die Regisseurin nicht getraut, sie anzusprechen. Als sie es dann doch tat, wurde ihr das Drehbuch fast aus der Hand gerissen. Es scheint, als gierten auch die deutschen Darsteller nach klassischem Genre.

Es muss mit der deutschen Förderpolitik zu tun haben. Oder dem Nachhallen des hehren Autorenkinos. Immer wieder jedenfalls heißt es, Genre aus Deutschland, das funktioniere nicht. Alex Schmidt versteht das nicht. Sie geht ständig in solche Filme, und die Kinos sind voll. Und es sei auch eine Legende, dass nur Jungs diese Art Filme konsumieren. Dass Alex Schmidt von jeher nur mit ihrem Spitznamen gerufen wird und viele erst mal glauben, sie sei ein Mann, das findet sie in dem Zusammenhang eigentlich ganz gut. Es war nicht leicht für sie, den Film zu finanzieren. Als Frau. Mit Genre-Kost. Und auch noch als Debüt. Lauter Außenseiterpositionen.

Die Berlinale hat abgelehnt

Genrefilme führen ein Schattendasein im hiesigen Kino. Dennis Gansel hat es mit seinem Vampirfilm "Wir sind die Nacht" gewagt - und ist damit empfindlich gefloppt. Die meisten, die sich dafür interessieren, gehen, wie Robert Schwenkte ("Flightplan"), lieber gleich nach Hollywood. Alex Schmidt aber will bleiben. Denn, sagt sie und klingt dabei ganz bestimmt, "wir haben die Schauspieler. Und wir haben die Schauplätze." Sie werden nur kaum dafür genutzt. Alex Schmidt steht da auf ziemlich einsamem Posten. Es gibt keine Lobby. Die Berlinerin hat noch nicht mal Kontakt zu Kollegen wie Dennis Gansel. Ein ganz branchenfremdes, branchenuntypisches Arbeiten. Nach dem Abi hat Alex Schmidt erst mal ein Filmpraktikum absolviert, das war aber nicht förderlich: "Ich fand es schrecklich." Sie hat dann erst mal Jura studiert. Später besuchte sie dann aber doch die Filmhochschule in Potsdam und absolvierte ein Regiestudium in Hamburg bei Hark Bohm.

In Deutschland werde man immer nach der gesellschaftlichen Relevanz gefragt, stöhnt die Regisseurin. Alex Schmidt will unterhalten, sie will aber auch, dass man dieses Segment nicht dem amerikanischen Markt überlässt. Ihr Filmdebüt wurde für die Berlinale eingereicht. Die hat aber abgelehnt. Ihr Weltvertrieb hat sich davon nicht beirren lassen und in Venedig angefragt. Dort ist man der Genrekost traditionell aufgeschlossener. Und da läuft "Du hast es versprochen" nun am Freitag, am vorletzten Tag, in der Mitternachtsschiene.

Jetzt, am Lido, wirkt Alex Schmidt ein wenig nervöser als bei unserem ersten Treffen in ihrer Berliner Arbeitswohnung. Geborgen fühlt sie sich aber, weil ein Großteil des Stabs dabei ist. Auch ihren nächsten Film will sie in dieser Konstellation drehen. Eine romantische Komödie vielleicht. Es gibt auch weitere Mystery-Ideen, "auch noch Härteres als das, was ich gemacht habe." Jetzt aber muss sie erst mal die Uraufführung am Lido bewältigen. Und dann den deutschen Kinostart am 1. November. Wer weiß: Vielleicht wird "Du hast es versprochen" ja doch ein Versprechen, dass Genre in Deutschland durchaus funktioniert.