Kultur

In Mitte geht noch was: Besuch beim Torstraßenfestival

"Das hier ist der früheste Whiskey, den ich je getrunken habe", stellt Ryder Havdale, alias Mohawk Lodge nüchtern fest.

Der Mann mit der schnarrenden Stromgitarre setzt zu seinem nächsten Song an: ein Lied für die Mädchen Kanadas, seiner Heimat und dem Land, in dem die Waldhütte steht, in welcher er der Legende nach seine raubeinigen Folksongs verfasst. Erstaunlich urban wirkt er dabei - vom Eremitendasein ist lediglich die intensive Gesichtbehaarung zurückgeblieben, wobei die ja völlig torstraßentauglich ist.

14 Uhr; für so manchen hier eine unmenschlich frühe Tageszeit, zumal an einem Sonnabend. Der abgedunkelte Kinosaal der Z-Bar' ist passend zu den abgeklärten Lovesongs des bärtigen Kanadiers in rotes Licht getaucht. Es sei ein Anliegen der Organisatoren, dem Publikum die Spielorte, die nachmittags sonst überwiegend geschlossen sind, mal in einem neuen Kontext zu präsentieren, erklärt Melissa Perales, die Koordinatorin des Torstraßenfestivals. Die Dame im leuchtend-blauen Retrokleid und obligatorischem Mitte-Glitter an den Schläfen wohnt selbst schon seit Jahren an der Torstraße, der urbanen Pulsschlagader, die alle Spielorte miteinander verbindet.

Ein wenig nostalgisch wird Norman Palm zumute, der heute nicht wie gewohnt melancholisch-wundervolle Akustiksongs à la Jose Gonzalez präsentiert, sondern mit seiner finnischen mit seiner finnischen Kombo The Odd Man Out aus einem Sammelsurium analoger Synthesizer schöpft und vielgestaltige, leichte Indiepop-Kost kreiert. Der Musiker, der heute auch als Koordinator fungiert, betont, dass es nicht darum ginge, mit den neuen Szenebezirken wie Neukölln oder Friedrichshain zu konkurrieren, aber man wolle schon zeigen "dass in Mitte auch noch was geht", und man überhaupt nicht so kommerzialisiert sei wie andere zentrale Stadtlagen. Der Nachbarschaftsaspekt werde großgeschrieben: die vertretenen Musiker kommen zwar aus vielen Ländern, "stehen aber alle irgendwie mit einem Bein in Berlin", so Palm.

Im "St. Oberholz" wird derweil die wahrscheinlich größte Kissenschlacht des Jahres ausgetragen, während vereinzelt noch hartgesottene "young urban creatives" weiter unbeirrt mit ihren Laptops beschäftigen. Man feiert sich selbst: Mitte-Vorreiter, Zugezogene und der mittlerweile nicht mehr ganz nüchterner kanadische Musiker.