Deutsches Theater

Die dunklen Seiten der Dynastie

Zwischen Machtrausch und Familientragödie: Regisseur Stephan Kimmig verschmilzt vier antike Dramen am Deutschen Theater zu "Ödipus Stadt"

Groß prangt zur Spielzeiteröffnung das diesjährige Motto über den Eingangstüren des Deutschen Theaters: Um Macht, Gewalt und Demokratie soll es gehen. Drinnen dann sagt in der ersten Premiere der DT-Saison die Demokratie gleich zu Beginn mit hoher Kinderstimme nur mal kurz "Hallo", um sodann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Den Chor, im antiken Drama Korrektiv der Macht und oft Volkes Stimme, hat Stephan Kimmig in seiner Theben-Trilogie namens "Ödipus Stadt" bis auf wenige Worte gestrichen, womit klar ist, dass es um das Volk ("demos") und dessen Herrschaft ("kratia") nicht gehen wird. Nein, es sind die Machthaber, für die Kimmig sich hier interessiert. Dafür hat er vier antike Tragödien neu und zeitgemäß übersetzen lassen (von Georg Schreiner) und zu einem erstaunlicherweise nur knapp zweieinhalbstündigen Abend zusammenmontiert.

Als Ausgangspunkt dient ihm Sophokles' "König Ödipus", der übergeht in eine Mischung aus Aischylos' "Sieben gegen Theben" und "Die Phönizierinnen" des Euripides und am Schluss in "Antigone" von Sophokles mündet. Wem diese antike Tragödienfülle allzu anstrengend anmutet, dem sei versichert: Sie ist es nicht. Tatsächlich kommt die Story als kompakt erzählte Familiensaga daher, die den Stoff auf ein handliches Best-of-Theben zusammendampft. Das in Wahrheit natürlich ein Worst-of ist, denn es sind die dunklen Seiten dieser Dynastie, die hier zutage treten und an denen Stephan Kimmig die Mechanismen von Macht aufzeigen will.

Die Götter haben dabei auch noch ihre Finger im Spiel. Das fängt schon bei Ödipus an, dem das Orakel weissagte, er werde seinen Vater töten und die Mutter heiraten. Dass das längst passiert ist, davon ahnt König Ödipus jedoch noch nichts, wenn er seine Reden schwingt und als Erster von allen, die ihm nachfolgen, das große Machtrechtfertigungsalibi des Abends spricht: "Ich denke einzig an die Stadt." Ulrich Matthes hat natürlich die darstellerischen Fähigkeiten, aus diesem Ödipus mit dem Erkennen seiner Schuld einen zutiefst gebrochenen Mann zu machen, dem der Schrei im offenen Mund zum Winseln verkümmert.

Jetzt sind die Söhne Eteokles (Elias Arens) und Polyneikes (Moritz Grove) an der Reihe, zu regieren. Im Gegenlicht trommelt Eteokles schon mal wucht- und effektvoll zur Schlacht. Ein starkes Bild und eine schweißtreibende Angelegenheit, auch die Körper sind im Laufe des Abends zunehmend vom Machtwillen durchtränkt und von dem Wunsch, ihre Geschicke in die Hand zu nehmen. Sie rennen gegen ihr Schicksal an. Bühnenbildnerin Katja Haß hat ihre schlichte Holzebene dafür am hinteren Bühnenrand zu einer unbezwingbaren Halfpipe nach oben aufgezogen, Richtung Schicksal, Richtung Götterwille, an der die Verfluchten immer wieder jämmerlich zu Boden rutschen. Einen Sieger wird es auch im Bruderzwist nicht geben, die beiden töten sich gegenseitig in der Schlacht.

Und wieder muss ein neuer Herrscher her, wir wohnen inzwischen Thebens dritter Legislaturperiode bei und diese ist die spannendste. Was vor allem an Susanne Wolff in der Rolle des Kreon liegt. Wie alle, auch die männlichen Darsteller, ist sie mit Rock und Unterhemd bekleidet, ergänzt um ein paar solide Schnürschuhe. Was Kimmig an diesem Abend zeigen wollte, nämlich das Private im Politischen, die Deformationen und Metamorphosen der Macht, auch ihre Lächerlichkeit, in Susanne Wolff findet all das seine darstellerische Form, variantenreich und punktgenau. Zunächst ist ihr Kreon noch zurückhaltender Königsberater, wird dann zum trauernden Familienoberhaupt und füllt nach und nach sich auf, mit Pappkrone Herrschergesten probend, mit unnachgiebigem Tyrannengeist. Er zieht dabei nicht nur Antigones (Katrin Wichmann) Zorn auf sich, sondern den des eigenen Sohnes und des ganzen Volkes gleich mit. Für das Spiel dieser Frau in der Rolle dieses Mannes allein schon lohnt der Besuch des Abends, der zwar nicht gerade mit dramaturgischen Höhepunkten oder extraordinären Regieeinfällen punkten kann, aber immerhin mit präziser Sprach- und Körperarbeit und geradliniger Erzählweise, was angesichts des komplexen Stoffes keine Kleinigkeit ist.

Und das Volk? Das bekommt eine neue Chance, was sich in Antigones flammendem Schlussmonolog schon andeutet ("Die Rebellion der Toten gegen eure Lügen") und im DT-Programmheft bereits festgeschrieben ist, denn die nächste Premiere im großen Haus ist am 21. September Michael Frayns Stück "Demokratie".

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 441 225. Termine: 4., 7., 8.9.