Konzert

Ein eineinhalbstündiger Witz: Icke & Er rappen den Kater Holzig

Tausend coole Menschen singen "S, P, A, N, D, A, U"

Irgendetwas für tot erklären kommt immer gut. Also: Hip-Hop ist tot. Sido macht nur noch Pop-Songs, der eine von den Beastie Boys ist letztens gestorben und Smudo von den Fantastischen Vier fährt sehr gerne Autorennen. Jetzt wieder mit Hip-Hop ankommen ist eigentlich genau richtig. Icke & Er, das angebliche Spandauer Duo, geben ein Konzert im Kater Holzig,

Icke & Er sind ein Phänomen, von dem niemand weiß, warum es eigentlich funktioniert hat, weil niemand weiß, was das Ganze soll. 2006 bringen sie das erste Album heraus. Davor erschien der Youtube-Clip "Richtig Geil" in dem die zwei Typen, Icke, das ist der Rapper, und Er, der DJ, als Provinz-Prolls Banalitätsquatsch in aufgesetztem Berliner Dialekt rappen. "Bin ich morgens jut drauf is det richtig geil/ Ha'ick urst scheiss Laune is det richtig geil/ Jibt et Rippe mit Gemüse sa'ick richtig geil/ Jibt et korrekte Bratwurst. Find ick richtig geil"

Damit schaffen es die beiden doch wirklich, den Kater Holzig auszuverkaufen. Das ist wirklich verrückt, wie viele Leute da rumstehen und auf nichts anderes als auf einen eineinhalbstündigen Witz, getarnt als Vorstadt-Hip-Hop, zu warten. Zu Wagners Walkürenritt betreten Icke & Er die Bühne direkt vor der Spree. Der Innenhof des Clubs ist so voll, dass man Angst hat erdrückt zu werden. Das Gejubel macht Angst. Natürlich trägt Icke eine Trainingshose mit drei Streifen, falscher Bart, Perücke, die totale Maskerade um bloß nicht erkannt zu werden. Weiß ja niemand so genau, wer die beiden sind. Angeblich Werber. Er steht einfach nur hinter den Plattentellern und sagt nichts. Auch er hat einen falschen Bart und eine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Es ist so absurd. Tausend coole, junge Leute aus der Hauptstadt, aus dem Zentrum des Ich-Bin-Wer-Universums, singen im Refrain "S, P, A, N, D, A, U" und das immer und immer wieder. Als gäbe es nichts Größeres, als den Namen eines Berzirks zu buchstabieren.

Icke & Er sind wahrscheinlich die einzigen Menschen, auf die das Wort Hipster mal zutrifft. Hipster gibt es ja in Europa eigentlich nicht. Das sind amerikanische Großstadt-Berufsjugendliche, die aus Ironie die Insignien der Vororte anlegten wie Mützen von Traktorenherstellern oder eben Schnauzbärte. Die Menschen, die hier landläufig als Hipster bezeichnet werden, sind meistens nur schlecht gekleidet, und machen das leider nicht ironisch. Icke & Er aber schon.

Von der Terrasse, die in der Mitte übrigens mit einer Schnur geteilt ist, damit die Konzertbesucher nicht die Gäste des Restaurants belästigen - da sitzt wirklich ein Mädchen im Zentrum der Holzbohlen auf einem Stuhl, hält für drei Stunden eine Schnur fest und sagt, einen Schritt weiter nach rechts dürfe man nicht - sieht das Schauspiel gigantisch aus. Rauch steht über dem roten Licht der Bühne, die S-Bahn fährt vorbei, Hände gehen hoch und runter. Die Lichtorgel lässt alles wie im Wunderland erscheinen. Selbst ohne die Rauschmittel wären alle berauscht. Die Leute, die Prolls eigentlich verabscheuen, dürfen einen Abend mal selber Proll spielen, Bier verschütten und ein bisschen pöbeln. Alles unter dem Deckmantel der Überhöhung als Kulturhappening, und weil man dann so in sich hineingrinst, weil man ja eigentlich total gebildet ist.