Musikfest

Kent Nagano fordert das Publikum heraus

Mahler Chamber Orchestra eröffnet das Musikfest

Das alljährliche Berliner Musikfest in der Philharmonie ausgerechnet mit einem zweieinhalbstündigen Gedenken an Charles Ives zu eröffnen, mochte ein bisschen übertrieben erscheinen. Immerhin aber gab diese Länge Gelegenheit, sich mit dem vorzüglichen Aufsatz über Ives von Martin Wilkening zu beschäftigen. Dazu hat Ives wahrscheinlich sogar seine fünfsätzige, dreiviertelstündige 2. Sinfonie komponiert. Der unermüdlich eloquente Kent Nagano hängte sie, als man von Ives schon reichlich genug hatte, kurz entschlossen, an das dem geduldigen Mahler Chamber Orchestra aufgehuckte Ives-Programm an. Es spielte vorzüglich.

Auch die beiden Solisten verstanden künstlerisch für sich einzunehmen, vor allem natürlich der glänzende Thomas Hampson, dessen wendiger Bariton mit List, Lust und Tücke alle Eingebungen Ives', selbst die kümmerlicheren unter ihnen (an denen kein Mangel ist), eindrucksvoll heraussang. Am hinreißendsten gelang ihm dabei die Zugabe: eine populäre Melodie aus Seefahrerkreisen, durch die beiden rund um den Singmund gelegten Hände wie durch Sturmesfluten zu einem Nachbarschiff hinübergebrüllt. Das Publikum brüllte begeistert zurück.

Ins Schweigen geflüchtet

Dagegen konnte die reizende, stimmlich aber leider eher uneben agierende junge Israelin Chen Reiss künstlerisch nicht Schritt halten. Dabei hatte man den beiden Sängern der fünfzehn Lieder, aus einer Masse von hundertvierzehn ausgewählt, drei tadellose Gehilfen zur Seite gestellt, die Ives Klavier begleitete Kompositionen mit Hingabe und Geschick instrumentiert hatten: Georg-Friedrich Haas, Toshio Hosokawa und John Adams.

Wie man es auch dreht und wendet: Charles Ives, der sich aus der Musik zurückzog und in weiser Erkenntnis ins kompositorische Schweigen flüchtete, erwies sich mit seinem "Orchestral Set No. 2" von 1919 am stärksten und eigenwilligsten. Er erfand eine Vision des Zusammenspiels beider Welten: der Volkstümlichkeit, des festlichen Krachs und der sinfonischen Ausdrucksstärke. Beides verwebte er aufrüttelnd miteinander: eine Art musikalischer Luxuskoch, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, Eisbein und Forellenfilet zu einem einzigen Gericht zu verrühren. Die Zuhörer, neugierig und gutwillig, löffelten es ebenso geduldig wie höflich in sich hinein.

Aber genügt das für ein Festival dieses Ausmaßes? Neben Yves kommt ja auch noch der unglückliche Hanns Eisler gebührend zu Wort und Ton, der gleichfalls immerfort auf Wiedergutmachung Angewiesene, der Heimatvertriebene, der DDR-Nationalhymnen-Komponist. Eissler wie Ives tappten gewissermaßen mit unterschiedlichen Absichten in die Moderne hinein, ohne sich ihr an irgendeine wegweisende Spitze stellen zu können. Ihre Versuche ästhetischer wie politischer Art verliefen sich in der oft beklagenswerten Beiläufigkeit. Sie waren durchaus keine Musiker zweiten Ranges. Doch Erstrangiges und Wegweisendes gelang ihnen selten.