Kunstsache

Unter Künstlern sind Softies fast ausgestorben

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Anfang des Jahres - Sie erinnern sich vielleicht - war wieder viel vom jungen Mann die Rede. Der junge Mann, so klagte die junge Frau, ist heute einfach ein Softie. Er ist zu lieb. Er weiß nicht, wann er welchen Schritt zu machen hat. Ich habe mich damals gefragt, warum die junge Frau nicht einfach einen Künstler nimmt. Künstler sind Machos. Die meisten haben ein Riesen-Ego und scheinen zu wissen, wo es für sie langgeht. Unter den Künstlern sind die Softies fast ausgestorben. Der letzte ist wohl Chagall gewesen, mit seinen träumerischen Dorfszenen. Die Malerei heute ist dagegen ironisch und frei von Sentimentalität. Die Bilder des jungen Berliners Peter Böhnisch hatte ich bisher mit ihren naiven Figuren für zu chagallig, zu unmodern gehalten. Doch seine neuen Werke bei Contemporary Fine Arts fand ich ziemlich gut. Oft bestehen sie aus Farbflächen, in deren Mitte der Künstler ein Loch geschnitten hat. In dieses Loch füllt er Schichten bunten Wachses und modelliert danach Figuren heraus: Zwei Blumen, drei Bienen, eine Eiswaffel, ein Sägefisch. Diese Verbindung von Malerei und Skulptur empfinde ich als sehr zeitgemäß. Zwar wirken Böhnischs Figuren immer noch kindlich-vereinfacht. Doch in der Gesamtkomposition der Bilder scheinen sie plötzlich nicht mehr naiv, sondern entspannt erzählerisch. Vielleicht ist Böhnisch ein Softie. Aber in ihrer Ehrlichkeit haben seine Bilder eine Eindrücklichkeit, die mich nicht so schnell loslässt. (Bis 22. September, Am Kupfergraben 10, Mitte)

Die Denkweise einer Bildhauerin hat sich auch Sabrina Fritsch für ihre Malerei ausgeliehen. Softie-Anwandelungen sind ihr dagegen fremd. Lieber setzt sich die Düsseldorferin experimentell mit ihrem Medium auseinander. Zunächst trägt sie Acryl auf einer ersten Leinwand auf und spannt danach eine zweite gröbere Leinwand aus Rupfen darüber, deren Maschen sie mit einem Öl-Acryl-Gemisch verschließt. Am Ende schleift sie das Bild ab. Das Ergebnis sind spannungsgeladene Schichtbilder, deren Oberfläche teilweise an die grobpixelige Struktur defekter Computerbildschirme erinnert. Fritschs Werke sind nur eine schöne Position in einer neuen und hervorragend kuratierten Gruppenschau in der Galerie Zink, die sich der coolen Künstlerselbstbefragung widmet. Heather Rowe konstruiert Wandskulpturen aus Holz, Glas und Spiegeln, in denen man sich selbst zu sehen erwartet, aber im entscheidenden Moment doch nicht sehen kann. Ignacio Uriartes Video "Vorwärtsrückwärts" zeigt das genannte Wort, das sich abwechselnd von vorn und von hinten aufbaut. Und Yuri Masnyj hat den Arbeitsplatz eines Künstlers aus Papier und Wachs nachgebaut. Dem Zeitgeist entsprechend sind besonders viele Theoriebücher vertreten. Mein Favorit trug den vollkommen unsinnigen Titel: "Abbonf." (Bis 6. Oktober, Linienstraße 23, Mitte)

Eine Gruppenausstellung - allerdings mit vier erzählerischen Positionen - ist zurzeit auch bei Laura Mars Grp. zu sehen. Tina Born hat Bücher des legendären Liebhabers Casanovas an eine Stangenskulptur gehängt, in deren Spiegelsockel ich ungerechtfertigterweise mein eigenes Gesicht erblickte. Andreas Seltzer widmet sich in seinen Zeichnungen einem Rekordsommer in Paris und bildet im brodelnden Großstadtdschungel neben erotischen Abenteuern und schmorenden Blechlawinen auch die Namen der ganz realen Hitzetoten ab. Vitek Marcinkiewicz verwandelt Henri-Georges Clouzots Film "Lohn der Angst" in ein Storyboard aus filigranen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen halbnackte Jungs hinter Spritzenwagen hinterlaufen und Latino-Schönheiten auf die Knie sinken. Und Suzanne Treister schließlich zeichnet für ihr Projekt "Hexen 2.0" die Cover von esoterischen Ratgebern spiegelverkehrt ab. Das Okkulte ist in der Kunst eben nicht totzukriegen. Genau wie der Softie. Zum Glück. (Bis 29. September, Sorauer Straße 3, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien