Die Räuber

Die Welt braucht Ohrenstöpsel

Räuberpistole voller Rätsel: Schillers Erstling läuft als Dreipersonenstück am Maxim Gorki Theater

Die Uraufführung von Schillers "Die Räuber" war 1783 bekanntlich ein orgiastischer Tumult und Skandal. Frauen vielen in Ohnmacht, Männer schrien sich in Rage - kein Wunder in jenem empfindsamen Zeitalter, als Shakespeare-Stücke noch fürs allzu zartbesaitete deutsche Publikum entschärft werden mussten. Umso peinlicher ist es für unser Zeitalter, dass mittlerweile - wie jetzt im Maxim-Gorki-Theater - mit Schildern davor gewarnt werden muss, wenn auf der Bühne mal etwas passiert, was die Gemütsruhe des Biedermannes stören könnte. Dabei wurde weder mit dem Pimmel gewunken, noch mit Blut geschmaddert, noch geschrien oder was man sonst noch in einer deutschen Regietheaterinszenierung erwartet. Pyrotechnik und Platzpatronen knallten nur ein bisschen lauter als üblich.

Es spricht andererseits fürs Publikum, dass Michael Klammer offenbar der einzige war, der glaubte, sich dagegen mit Ohrenstöpseln wappnen zu müssen, die auch im Foyer verteilt wurden. Der Schauspieler stand allerdings auch direkt unter den Explosionen und niemand kann sich wünschen, dass er ertaubt. Denn sein Auftritt ist ganz eindeutig der Höhepunkt des Abends. Klammer ist einer von nur drei Schauspielern, die der Regisseur Antú Romero Nunes, dessen Inszenierung "Rocco und seine Brüder" auch in der Vorauswahl fürs letzte Theatertreffen war, braucht um Schillers volkreiches Stück aufzuführen. Klammer spielt vor allem Karl Moor, aber auch noch viele andere. Aenne Schwarz gibt Amalia und weitere Rollen. Paul Schröder ist Franz die Kanaille, aber auch der Vater Moor und noch mehr.

Diese schmale Besetzung ist keineswegs dem Sparzwang geschuldet, sondern dem Zeitgeist. Auch Nicolas Stemann verteilte in seiner viel gelobten Salzburger "Faust"-Inszenierung die Rolle des Doktors auf diverse Darsteller. Einem allein wird offenbar nicht mehr zugetraut, die großen Klassikerrollen zu bewältigen.

Sie zeigen ganz unterschiedliche Darstellungsarten: Schröder/Franz eine chamäleoneske Virtuosennummer, Schwarz/Amalia die gebändigte Frauentragödie und Klammer/Karl glänzt in selbstreflexiver Coolness, die dadurch noch an Dimension gewinnt, dass dieser Afro-Südtiroler so schön doppelsinnig mit den bei Schiller moralisch gemeinten Begriffen "schwarz" und "weiß" jongliert.

Aber was nimmt man mit, außer der Erkenntnis, dass die Tiroler lustig sind? Warum macht es der Berliner Schwabe Nunes so, wie er es gemacht hat? Mal abgesehen von der im Interview hingeworfenen Begründung: "Ungekürzt kann man dieses Drama eh kaum machen. Ich dachte, ich konzentriere mich mal auf die Kinder. Auf die drei Elternsuchenden." Es bleibt rätselhaft. Und die "Räuber" verharren im Status einer typischen Talentprobe: Vehement gespielt sowie vom Regisseur selbstbewusst jugendfrisch und autark auf die leere schwarze Bühne gestellt. Aber das alles anzusehen, macht doch nur minutenweise Freude.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel.20221115 Termine: 2., 8., 19. und 25.9.