Theater

Drei reichen bei den "Räubern"

Antú Romero Nunes inszeniert Schillers Klassiker - mit nur drei Personen auf der Bühne

"Der Senkrechtstarter" sitzt auf der Terrasse des Maxim Gorki Theaters. Vor ihm steht eine Flasche Club Mate - leer. "Zwei Flaschen - und du kannst die Nacht durchmachen", sagt Antú Romero Nunes. Seit es Mate gibt, sei das Berliner Nachtleben besser geworden. Er verrät nicht, ob das heute seine erste Flasche ist. Aber der Abend könnte noch ziemlich lang werden. Um 19 Uhr beginnt die nächste Probe. Ein Durchlauf, also keine einzelnen Szenen, sondern die ganze Inszenierung am Stück, die Premiere ist bereits morgen. Also keine Zeit für den Regisseur, ans Nachtleben zu denken. Mit Schillers "Die Räuber" startet das Maxim Gorki Theater in die neue Saison.

Das Getränk passt zu dem 28-jährigen Regisseur Antú Romero Nunes, der rein äußerlich einen Mitte-Prototyp darstellt: Gepflegter Vollbart, enge Jeans, eine Turnschuhvariante an den Füßen. Hellwache Augen. Jung, erfolgreich, neugierig, sensibel - und ziemlich nachdenklich. Der "Spiegel" betitelte ihn in seiner Kulturbeilage als "Senkrechtstarter". Dafür sprechen schon allein die Fakten: Ausbildung an der renommierten Ernst-Busch-Hochschule in Berlin von 2005 bis 2009, danach direkt als Hausregisseur ans Maxim Gorki Theater engagiert. Außerdem inszeniert er regelmäßig an anderen großen Bühnen wie dem Schauspiel Frankfurt und dem Hamburger Thalia Theater.

Werktreue ist relativ

Die erste Überraschung liefert der Besetzungszettel: Mit nur drei Schauspielern kommt Nunes in seinen "Räubern" aus: "Ungekürzt kann man dieses Drama eh kaum machen. Ich dachte, ich konzentriere mich mal auf die Kinder. Auf die drei Elternsuchenden." Also Amalia, Karl und Franz.

Dieser Ansatz könnte bei Schiller-Liebhabern, also beispielsweise bei Menschen, die Peter Steins vor ein paar Jahren mit Klaus Maria Brandauer in Neukölln aufgeführten, ungestrichenen "Wallenstein" als Gottesdienst betrachteten und sonntags aufs ehemalige Kindl-Brauerei-Gelände pilgerten, zu einem Aufschrei führen. "Aber wenn man schon weiß, wie man die Räuber zu spielen hat, braucht man ja nicht ins Theater zu gehen.

Schillers Selbstkritik

Mit Begriffen wie Werktreue kann Nunes nicht viel anfangen. Kann sich aber bei seinem Ansatz dennoch auf den Dichter berufen. Er ist zur Vorbereitung tief in den Schiller-Kosmos eingetaucht, kann den Dramatiker aus dem Kopf sätzeweise zitieren. Nicht nur aus den "Räubern". Schiller habe zur Premiere seines Stücks eine Selbstkritik geschrieben, "er hat die philosophischen Prinzipien erwähnt, hinter denen die Figuren zurücktreten". Es gebe kaum richtige Dialoge in dem Stück, sondern viele Monologe, in denen jemand seine Haltung zur Welt präsentiere. "Ich versuche, diese Prinzipien mal auseinanderzudividieren. Komischerweise ist es eine Geschichte über Vereinzelung geworden, weniger über Solidarität und Aufbruch", also das "Räuber"-Klischee.

Eigentlich schwebte Nunes ein etwas anderer Stoff vor. Er wollte eine argentinische Räubergeschichte erzählen. Aber Gorki-Intendant Armin Petras hat ihn schließlich überzeugt, dass er das doch auch mit Schiller erzählen könnte. "Dann fiel mir, wie Karl sagt, der Star von den Augen", sagt Nunes - und das klingt nicht nach Ironie. "Die Räuber" sind ein "Stück mit anspruchsvoller Sprache" und außerdem "bietet Schiller ordentliches Denkmaterial".

Nunes streut gern solche Wortbrocken ein, später redet er beispielsweise von "Denationalisieren". Oder noch schöner: von "Wirkungsorganisation", wenn er von der handwerklichen Seite seines Berufes spricht. Das Regieführen hat er auf der Busch-Hochschule gelernt, auf deren Ausbildungsmethoden er nicht so gut zu sprechen ist. "Es war furchtbar. Aber ich merke immer mehr, was für ein Waffenarsenal ich dort bekommen habe, das ist schon toll. Man lernt ganz viele Techniken, die einem etwas bringen." Als sein Mentor, der Regisseur Jan Bosse, über sein Konzept für die Abschlussinszenierung gesagt habe, das "klingt doch super", habe er Tränen in den Augen gehabt: "Dass mir das nach vier Jahren einmal einer sagt. Vorher hieß es nur: Du bist noch nicht gut genug - als ob wir beim Leistungssport wären."

Die Magie der Bühne

Die Diplom-Inszenierung basierte auch auf einem Text von Friedrich Schiller, dem Romanfragment "Der Geisterseher". Diese Aufführung war erst ein Geheimtipp, mittlerweile steht sie seit Jahren auf dem Spielplan des Maxim Gorki Theaters, sie hat Antú Romero Nunes die Tür zur Karriere weit geöffnet. Es geht darin um Bühnenmagie, um das Verhältnis von Lüge und Wahrheit. Ein zentraler Aspekt bei Nunes. Und mittlerweile fast schon ein Problem, wie er einräumt: "Ich verwende immer viel Zeit auf Proben mit der Frage: Warum spielen wir? Warum wollen die Zuschauer eine Lüge sehen?" Wenn der Regisseur an diesem Punkt angekommen ist, erzählt er gern eine Anekdote. Wie er im Kino in "Matrix Reloaded" sitzt und eine Frau vor ihm in der Mitte des Films sagt: "Das glaube ich jetzt nicht mehr. Das ist zu viel." - "Wann ist dieser Punkt erreicht? Wann erkennt man die Wahrheit in der Lüge?", fragt sich Nunes.

Geboren wurde er 1983 in Tübingen. Die Mutter Chilenin, der Vater Portugiese, beide flohen vor Diktatoren nach Deutschland. Kein Künstlerhaushalt. Was nicht ganz stimmt. Später erfuhr Nunes, dass eine Großtante in Südamerika Filme gemacht hat. "Sie war die Marilyn Monroe Venezuelas." Nunes versucht, den Kontakt zu den im Ausland lebenden Familienmitgliedern zu halten. "Ich fühle mich da zu Hause. Wenn ich in Santiago bin, weiß ich, wo ich hingehen kann, wo was los ist." Er hoffte, dass er wegen seines dunklen Teints als Chilene durchgehen würde. Du siehst aus wie ein Europäer, wurde ihm gesagt. "Und ich dachte, dass ich hier nicht auffalle."

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben, Mitte. Premiere morgen, 19.30 Uhr. Tel.20 221 115.