Film

Angela Merkel aus Sicht der Doppelgängerin

Wie man fast Kanzlerin wird. Ein Dokumentarfilm

Es gibt dieses wunderbare Buch der "Spiegel"-Autoren Schnibben, Kurbjuweit und Geyer, "Operation Rot-Grün". Ein Auszug: Zu vorgerückter Stunde, es wird Rotwein getrunken, berät sich die Regierungskoalition im Bundeskanzleramt. Es geht um die Agenda-Politik. Bevor die Opposition hinzu kommt, werden die Flaschen hinter Gerhard Schröders Sessel versteckt. Ob es hier denn nichts zu trinken gebe, fragt irgendein Oppositionsmensch, nein, sagt Schröder, jetzt werde gearbeitet. Als sich die Runde auflöst, stößt, wie könnte es anders sein, Guido Westerwelle versehentlich mit dem Fuß gegen eine Weinflasche hinter dem Schröder-Stuhl, der Boden ist aus Stein.

Die Autoren können nicht dabei gewesen sein. Einer der Anwesenden hat ihnen davon erzählt. Die Abnahme der Geschichte ist also weniger als subjektiv, und doch ist diese Szene eine der substanziellsten im Buch. Sie zeigt die Psychologie der Absurdität, das Intrigante an der Systematik der Macht, das Kaputte und menschlich Abgründige hinter der öffentlich dargestellten Simulation der Politikmenschen untereinander und dessen, was politische Arbeit ausmacht. Diese Kunstform der Darstellung wird in journalistischen Moraldebatten um das Fiktionalisieren von Textstellen angeprangert, zuletzt nach René Pfisters Nannen-Preis-Porträt über Horst Seehofer und Heribert Prantls Porträt über den Präsidenten des Bundeserfassungsgerichts, Vosskuhle.

Der Regisseur Douglas Wolfsperger hat in seinem Dokumentarfilm "Doppelleben", der morgen in die Kinos kommt, einen anderen Trick gewählt, um den gleichen Trick anzuwenden: Das genaue Beobachten und Vermessen der sozialen Zuspitzungen, die körperlichen und Wort werdenden Veränderungen von Persönlichkeiten, ihr Verlust einer adäquaten Selbsteinschätzung gegenüber der Umwelt, insbesondere der kamerafernen - und dies alles am Beispiel der Entwicklung von Doppelgängern. Wolfsperger erklärt Angela Merkel mit der Angela-Merkel-Werdung ihrer Nachahmer.

Susanne Knoll wird auf einer Party als Double entdeckt. Entscheidend war ein Friseurbesuch. Sie soll, sagt der Agent, als Merkel auftreten. Nach dem Einzug der Bundeskanzlerin ins Bundeskanzleramt erlebt Knoll, bei der es privat gerade nicht gut läuft, einen Höhenflug, wird auf Empfänge geschickt, hält sogar Vorträge auf Tagungen großer Energiekonzerne. Knoll tritt auf, immer mit Bodyguards, damit es echt wirkt. Und es wirkt echt. Oft wird das Double äußerst lange für die echte Merkel gehalten. Blöd nur, dass sich Marianne Schätzle, die Frau aus dem Süddeutschen, ebenfalls für Merkels beste Doppelgängerin hält. Da gibt es einen Fern-Clinch zwischen den Surrogaten.

Die Konkurrenz belebt die Nachahmungsstrategien. Auch, weil sich die Doppelgänger in der virulenten Aufmerksamkeit der Kunstwelt wohler fühlen als in dem Gewöhnlichen ihres Privatlebens. Es ist vor allem Knoll, die, auch Privat, immer merkelesker wird, in allem Operativen, im abgekühlten Gestus, im Willen zur Absicherung und zum Zögern. Sie sitzt heute als SPD-Politikerin in der Lübecker Bürgerschaft; dass sie als Ex-Merkel-Double wie Hannelore Kraft anmutet, erzählt wiederum einiges über Hannelore Kraft.

Leider kommen die Szenen sehr oft über das Komödien- und Slapstickhafte. Was möglicherweise daran liegt, dass die Authentizität der Figuren, offenbar durch ein Drehbuchkorsett, etwas Künstlichkeit abbekommen hat. Als jemand, der die Doppelgänger medial nie wahrgenommen hat, ist man unsicher, ob die Geschichte wirklich stimmt. Die Figuren wirken glatt, der ölige Agent Jochen Florstedt karikiert dicht am Klischee. Die Bilder erinnern an Helmut Dietls gescheiterte Politsatire "Zettl", nicht an gewöhnliche Dokumentarfilm-Ästhetik. Immerhin setzt der Film nicht so groß an.