Anna Netrebko

"Ich bin 41, da feiert man weniger"

| Lesedauer: 7 Minuten

Anna Netrebko über das Altern, Karrierreplanung und warum sie das Rampenlicht im Grunde sehr mag

Anna Netrebko hat sich für den Herbst viel vorgenommen. Die bekannteste Sopranistin der Gegenwart hat eben ein Verdi-Album aufgenommen, im September eröffnet sie die Metropolitan-Opera-Saison mit dem "Liebestrank", im Oktober startet sie eine spektakuläre Tour durch elf Städte mit Tschaikowskys unbekannter "Jolanta". Jetzt blickt sie in Salzburg, wo für sie vor zehn Jahren alles begann, ganz sommerlich entspannt vorwärts und rückwärts. Das Gespräch führte Manuel Brug.

Berliner Morgenpost:

Kann sich die Anna Netrebko 2012, der souveräne Puccini-Star der Salzburger "Bohème", noch an die junge Anna Netrebko erinnern, die ebendort 2001 die Donna Anna sang?

Anna Netrebko:

Sie meinen, weil Salzburg meinen europäischen Durchbruch bedeutete? Natürlich, aber sie denkt nicht dauernd daran. Ich schaue lieber vorwärts als rückwärts. Damals war ich ein spontanes Mädchen, das vieles ausprobieren konnte. Heute bin ich eine Frau von 41 Jahren, mit einem Kind und einem Partner.

Eine Frau von 41 - das klingt so pathetisch.

Ich bin Opernsängerin, da ist alles Pathos - nein, natürlich nicht alles. Aber heute muss ich meine Handlungen und Wünsche, die ganze Karrierestrategie viel stärker bedenken. Irrtümer kann ich mir eigentlich kaum noch leisten. Denn nirgendwo bin ich mehr allein. Alle Welt schaut zu, selbst wenn ich am Petersburger Mariinsky Theater, wo ich mich bei meinem alten Freund Valery Gergiev immer noch sehr geborgen fühle, etwas Neues ausprobiere. Und wenn es nicht optimal sein sollte, heißt es gleich, die Netrebko kann es nicht mehr, sie ist in der Krise.

Sind Sie zufrieden mit sich?

Schon. Sonst würde ich verrückt werden. Natürlich bin ich ehrgeizig, leistungsbewusst. Das verlangen die Leute von mir. Aber ich sehe heute großzügiger über Fehler hinweg, auch bei anderen. Es passiert, es ist menschlich. Man soll sich keinen Kopf machen, es geht weiter.

Sind Sie eine gute Partnerin?

Ich glaube schon. Ich kann instinktiv reagieren, das feuert manche Tenöre erst so richtig an. Und ich bin gern Teil eines Ensembles. Da fließt so viel unkontrollierte, spontane Energie. Wir bewegen uns in einem Notenkorsett, aber wissen nie, wohin es uns reißen wird, das ist toll, danach bin ich süchtig. In einem Ensemble ist man geborgener, man kann Aufmerksamkeit ableiten, muss nicht den ganzen Abend selbst tragen.

Überrascht Sie Ihre Stimme noch?

Und wie! Ich denke sie zu kennen, und dann kommt da immer noch was Unerwartetes. Zum Beispiel habe ich für meine neue Platte mit Verdi-Arien, die wir eben aufgenommen haben, unbedingt die Lady Macbeth ausprobieren wollen. Die ist grausam, brutal, völlig weg von mir. Sie liegt tief, muss aber auch sehr hoch singen. Verdi wollte bekanntermaßen hässliche, raue Töne von ihr hören. Wir haben das probiert und es ging, insbesondere in der Wahnsinnsszene. Da habe ich dann doch in meine Abgründe geschaut. Und war überrascht.

Lernen Sie schnell?

Das kommt darauf an. Mit Deutsch zum Beispiel tue ich mich echt schwer, und das als eingebürgerte Wienerin! Nicht so sehr mit den Wörtern, aber mit der Grammatik. Ich kann mir einfach keine deutschen Sätze merken. Und neue Rollen kann ich nur lernen, wenn ich sonst nichts anderes singe. Mit Puccini auf der Bühne stehen und nebenbei Verdi memorieren - nicht mit mir.

Und wann lernen Sie Ihre erste "Lohengrin"-Elsa?

Huh, ja, der Vertrag für 2016 mit Chrisian Thielemann in Dresden ist unterschrieben. Und ich habe schon meine sechs Wochen Off fixiert, wo ich die lernen werde. Sie werden dann hoffentlich von meinem Deutsch überrascht sein.

Sind Sie lieber komisch oder lieber tragisch?

Beides. So wie das Leben ist. Komische Rollen sind entspannter, obwohl man auch sehr präzise sein muss. Ich liebe nach wie vor die Adina im "Liebestrank", das ist oberflächlich und leicht, aber mit viel Herz. Und hält meinen Gefühlshaushalt in der Balance. Ich liebe allerdings auch die blinde Jolanta von Tschaikowsky, die am Ende wieder sehend wird. Das ist ja eine kurze Oper, aber wunderschön und mit viel Licht, im übertragenen wie im konkreten Sinn. Das gibt mir eine Menge positive Energie, jetzt mehrere Wochen lang mit dieser Figur auf Tournee zu gehen, das heitert meinen Herbst enorm auf.

Hat es das schon einmal gegeben? Eine Sängerin auf Elf-Städte-Tour, als Heldin einer eigentlich dem breiteren Publikum total unbekannten Oper?

Ich bin selbst total überrascht vom Enthusiasmus der Veranstalter! Ich liebe diese Oper, sie hat szenisch wunderbar in Baden-Baden funktioniert und konzertant in Salzburg. Und jetzt wollen sie alle wieder hören. Manche vielleicht auch wegen mir, aber wenn ich es schaffe, so vielen Leute dieses unbedingt hörenswerte Werk nahezubringen, dafür bin ich doch enorm dankbar. Eine "Traviata" oder "Bohème" kann man jederzeit auch ohne mich spielen, aber wenn ich die Leute zu diesem Tschaikowsky verführen kann, wow.

Wird die Frau von vierzig das Leben ruhiger angehen?

Weiß ich noch nicht. Da ist viel Energie. Aber ich muss nichts pushen. Muss nicht mehr alles mitmachen, was anfangs definitiv zu viel und nicht immer richtig war. Aber es hat mich überrollt, und man muss Schutzmechanismen erst lernen. Wobei die Rollen, wenn man sie drauf hat, einen wunderbar schützen. Sie verkleiden, man findet in ihnen ein öffentliches Ich. Wir Sänger sind ja immer vergleichbar. Deswegen ist es so wichtig, dass man sich weiterentwickelt, dass man sein Potenzial ausschöpft und dass man einer Partie auch wieder rechtzeitig Goodbye sagt oder länger auf sie wartet. Wie ich jetzt auf die Tatjana im "Eugen Onegin" wirklich lange gewartet habe. Sie wird der Höhepunkt meines russischen Repertoires werden - erstmals im nächsten April in Wien. Bewusst nicht in einer Neuinszenierung. Ich will mich behutsam an sie herantasten. Im Rampenlicht werde ich damit sowieso stehen... Aber ich würde es wohl auch vermissen, wenn es nicht da wäre.

Doch der Zeitpunkt wird kommen...

Klar. Und ich möchte darauf vorbereitet sein. Oper ist wunderbar, aber ich möchte dabei nicht das Leben verpassen. Dann muss ich auf der Bühne freilich hundertprozentig Leistung bringen und das will ich auch. Schon für den eigenen Seelenhaushalt. Gefeiert wird jetzt weniger. Denn: Ich bin eine Frau von 41 Jahren! Ich weiß es.

Philharmonie "Jolanta" am 14.11. um 20 Uhr. Karten von 172 bis 348 Euro.