Kolbe-Museum

Sehr lebendig: Kunst aus Fröschen und Algen

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Angela Hohmann

Kolbe-Museum beschäftigt sich mit moderner Skulptur

Schon wenn man die Materialien aufzählt, aus denen die Skulpturen der vierzehn internationalen Künstler bestehen, weiß man, dass es sich hier um etwas ganz Spezielles handelt: präparierte Baumfrösche, Fuchsfell, Algen, Harnflüssigkeit, menschliches Haar, Blut und sogar Künstlersperma gehören dazu. Kein Wunder, denn in der Ausstellung "Bios - Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur" im Kolbe-Museum geht es um nicht weniger als das spannungsreiche Verhältnis der Skulptur zum Lebendigen. Damit reihen sich die Werke in eine lange Tradition ein, welche die Diskussion um die Skulptur seit der Antike begleitet. Denn gerade in der Bildhauerei und ihrer Formbildung kommen sich göttliche und menschliche Schöpfungskraft gefährlich nahe.

Hier scheinen die Grenzen zwischen belebter und unbelebter Welt zu schwinden. Mit der Geschichte des Bildhauers Pygmalion von Ovid, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt, die sich durch göttliche Hilfe in eine Frau verwandelt, erhält dieser Stoff eine frühe Gestalt, während sehr viel später Mary Shelleys Frankenstein-Figur die Möglichkeiten heutiger Genforschung und Biotechnologie, das Lebendige zu formen, vorwegnimmt.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Arbeiten der Künstler im Kolbe-Museum. Vielleicht mag es nicht jeder sehen: Über sein aus Sperma geformtes, in einem Kühlschrank gekühltes Ei setzt sich Brad Downey mit dem Zeugungsmythos und der Frage nach dem Anfang aller Dinge auseinander. Die Skulpturen des dänischen Künstlers Tue Greenford, des Österreichers Thomas Feuerstein und des Schweizer Künstlerpaars Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger führen auf unterschiedliche Weise Wachstumsprozesse vor, darunter Algenbildung, Kristallisations- und Fäulnisprozessen, die für ihre "lebendigen" Kunstwerke jeweils entscheidend sind.

Die Koreanerin Lee Bul und die Australierin Patricia Piccini erschaffen jeweils Hybridwesen, die Genmanipulation und Verschmelzung von Organischem und Technischem zu Cyborgwesen assoziieren lassen. Die Amerikaner Mark Dion und Brandon Ballangée rücken ihre Arbeiten in die Tradition der Naturwissenschaften, die versuchen, das Lebendige zu kategorisieren, und finden ironische Formen dafür. So wie Dions quietschbunte Installation "Sea Life", die in einem Vitrinenschrank voller vermeintlicher Präparate Kinder- und Sexspielzeug aus Plastik vereint.

Besonders verrückt ist die Gegenüberstellungen von David Zink Yis gigantischer Keramik-Skulptur eines Riesenkalmars, der verendend in seiner Tinte liegt, mit den Atemskulpturen von Günther Weseler, kleinen runden Flokatifellwesen, die, an der Wand angebracht, lautstark atmen und sich dabei im Rhythmus dieses Vorgangs bewegen. "Diese Wesen wirken auf die Menschen wie Spiegel, sie begreifen sie als etwas Lebendiges", erzählt der Künstler, wenn er von seinen Objekten spricht, die er ironisch als "New Species" bezeichnet. Eine neue Spezies, die er allein geschaffen hat. Doch ein Künstlermythos? Eine kleine, aber konzentrierte feine Ausstellung mit herausfordernden Arbeiten zum Thema Leben in der heutigen Zeit.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25. Di-So 10-18 Uhr, bis 11. November.