Martin Suter

"Nach dem Ereignis geht das Leben nicht einfach weiter"

Der Bestsellerautor Martin Suter hat im neuen Roman "Die Zeit, die Zeit" den Tod seines Sohnes verarbeitet. Ein Besuch auf Ibiza

Man klingelt. Es wird einem aufgetan. Dahinter ein sandfarbenes Kubusensemble, ein schönes Haus, fein gegliedert mit Fenstern, archaisch und modern. Martin Suter steht in der Tür. Er wirkt kleiner, zerbrechlicher, als ich ihn in Erinnerung hab. Was daran liegen mag, dass er damals - es war auf irgendeiner Frankfurter Buchmesse - der offizielle Martin Suter war, die Martin-Suter-Inszenierung. Die Haare nach hinten gegelt, Anzug, krawattenlos, Hemd bis zum letzten Knopf nach oben geschlossen. Jetzt blickt er und spricht er leise und langsam aus einem ganz anderen Ensemble. Es ist Sommer. Und Martin Suter, der "Mann der Hochkonjunktur", der Mann, der - so sagen es Menschen, die es wissen müssen in der Schweiz - als einziger dem Absturz der Schweiz zu trotzen scheint und den Deutschen zeigt, wie erfolgreiche Literatur geht, der legendäre Kolumnist der "Business Class", der wie sonst keiner die Wirtschaft kritisierte und die Nachfolge Dürrenmatts und Frischs antritt als Schweizer Wirtschafts- und Politikweiser und moralische Instanz, der auflagenstärkste, umschwärmteste Autor seines Landes, Martin Suter trägt das Hemd offen über der leichten Sommerhose.

Was er anfasste, wurde Gold

Und reden über Glück. Ein Glück, für das der 64-jährige Martin Suter ein geradezu beneidenswertes Talent geerbt zu haben schien. Was er anfasste, wurde zu Gold. Seine Romane, in denen er die Helden in Situationen schickte, die er selbst nie durchlitten hatte, gern einsame, irgendwie aus der Zeit gefallene Kerle, die aus hoher Höhe abstürzten, aus der Bahn kamen, die Kontrolle verloren, diese Romane haben inzwischen eine geradezu simmeleske Gesamtauflage. Die Filme, zu denen er die Drehbücher schrieb, "Giulias Verschwinden" etwa oder die gerade angelaufene tiefschwarze Komödie "Nachtlärm", retten dem Schweizer Kino die Bilanzen. Ein Musical auf der Grundlage seiner "Geri-Weibel"-Kolumnen ist das erfolgreichste Stück am Zürcher Schauspielhaus. Er schreibt Songtexte für Stephan Eicher, er wird gern zu allem befragt, was die Schweiz bewegt und die Weltwirtschaft.

"Bis vor drei Jahren", sagt Suter, "hab ich das mit dem Talent zum Glück auch geglaubt und hab den Neid der Götter zu fürchten begonnen." Vor drei Jahren schlugen die Götter gnadenlos zu. Und ließen Toni, den damals dreijährigen Adoptivsohn Suters und Bruder der jetzt sechsjährigen Ana, die heute Nachmittag aus der Schule kommt, sterben.

Von der Lüge, dass das Leben weiter gehe nach so einem Ereignis, hat Suter danach gesprochen. Das Leben geht nicht weiter, alles dreht sich nur im Kreis, um einen selber, die Trauer und um den einen Moment, den man in seinen Träumen immer wieder aufhalten, verhindern will.

Wie Peter Taler zum Beispiel, der Held in Suters neuem, zehnten Roman "Die Zeit, die Zeit". Dem hat einer die Frau erschossen. An einem Abend, an dem Peter zu Hause war, gekocht hat und die Tür zu spät öffnete, weil sie sich ein bisschen gekabbelt hatten und sie keinen Haustürschlüssel dabei hatte. Er ließ sie vor der Tür stehen, sie klingelte. Da traf sie ein Schuss. Und seitdem durchlebt der Buchhalter Peter Taler jeden Abend den gleichen Abend, nach dem gleichen Ritual. Und kommt nicht raus aus seiner Trauer. Viel zu verlieren hat er nicht mehr, denkt er.

Da trifft er einen, dem es ähnlich geht, und der die Zeit austricksen will, der überhaupt die Zeit als Ordnungsprinzip ablehnt und nur die Veränderung als - na ja - zeitliches Gliederungselement zulässt. Der Nachbar von gegenüber. Der versucht, einen konkreten Abend im Jahr 1991 so exakt wie möglich zu rekonstruieren, damit nämlich soll sich ein Fenster in die Vergangenheit öffnen, in der man dann, was immer man möchte, verändern kann. Die Anhänger eines (von Suter erfundenen) Zeitleugners namens Kerbeler glauben daran wie die Anhänger der Gravimotionstheorie. Der Nachbar reißt große Bäume raus, pflanzt kleine wieder ein, lässt Fassaden rückbauen in der kleinen Straße mit den hässlichen Häusern, geht zum plastischen Chirurgen. Und hat ein finsteres Geheimnis.

Die Idee, sagt Suter, trug er lange mit sich herum, sie stand ziemlich oben auf seiner Romanideenliste, um deren Abarbeitung er sich sonst nicht so kümmert. Die Zeit hat ihn seit seiner Jugend fasziniert. Möglicherweise weil er als Schaltjahrkind (er ist an einem 29. Februar geboren) gelernt hat, in längeren Zeiträumen zu denken. Vor allem die Vorstellung hat ihn fasziniert, man könne in ihr, durch sie reisen. Je älter er wird, desto mehr gehen diese Fantasien in ihm um. So einen Zeitreisenroman wollte er auch schreiben. Schon in Daniel Schmids Film "Jenatsch" hatte er als Drehbuchautor einen Journalisten mittels einer historischen Schelle ins 17. Jahrhundert reisen lassen, um einen Mord aufzuklären.

Im neuen Roman wird weniger weit gereist und bloß versucht, ein bereits geschehenes Unglück zu verhindern, die Geschichte also umzuschreiben. Und Martin Suter wiederum versucht gar nicht erst, die Ideengeschichte von "Die Zeit, die Zeit" so umzuerzählen, dass Tonis Unfall keine Rolle gespielt hat bei der Sujetwahl. "Natürlich ist es möglich", sagt er, "dass ich mich mehr mit der Zeit beschäftigt habe, seit dem Unfall. Natürlich steckt man in der Endlos-was-wäre-gewesen-wenn-Schleife." Mit Aufarbeitung hat das nichts zu tun, sagt er, und nichts mit Trauerarbeit. Wenn er etwas wirklich hasst, dieser wohltemperierte, feine Mann an der anderen Seite des Tisches, dann therapeutisches Schreiben, "wenn ich merke, dass ich da nicht als entspannter oder gespannter Leser am Buch sitze, sondern mit dem Notizblock am Kopfende eines Sofas".

Toni ist allgegenwärtig im Haus

Wer nichts weiß von Toni, nichts von der Trauer, die durch die Seiten weht, für den ist "Die Zeit, die Zeit", einfach eine wie immer glänzend konstruierte, kontrollierte Geschichte, eine im kleinbürgerlichen aufblühende Orpheus-Paraphrase, in der alles Überflüssige weggelassen ist, die elegant klingt wie immer und doch eine ganz neue Tiefgründigkeit hat. Sie zieht einen unwillkürlich durch einen verschwörungsreichen Plot, macht das Absurdeste denkbar und schlägt dem Leser im Finale mit einer herrlichen Volte noch einmal ordentlich die Füße weg. Wer um Toni weiß, der hört die Verzweiflung im Buch.

Man spürt Toni auch noch in Suters Haus, das seine Frau, die Modedesignerin und Architektin Margrith Nay Suter, mit Ausblicken, Farben, Materialien atemberaubend ausgestaltet hat. Er ist da, in Bildern und in Fotos. Aber es ist kein Mausoleum, wie "Die Zeit, die Zeit" keines ist und auch nicht Casa Toni, das Gästehaus mit dem Koi-Teich. Can Micolau ist ein tröstender Ort, ein sanft verschattetes Paradies.

Das mit Ibiza ist übrigens eine lange Geschichte, eine glückliche, schöne. Die mit Panajachel/Guatemala, wo die Suters bisher die andere Hälfte des Jahres verbrachten und die Mehrzahl der Romane entstand, geht schnell: Da haben sie mal Freunde besucht und sind dann hängen geblieben, weil es da Frühling war, während des ibizenkischen Winters.

Zurück auf die Balearen: Vor mehr als dreißig Jahre kam Suter auf Ibiza in die Wohnung eines Freundes, in der vorher eine Frau gewohnt hatte, die einen Topf Honig vergessen hatte. Suter hat ihn ihr gebracht. Nach Basel in ihre Boutique. Sie hieß Margrith Nay. Sie kamen zusammen. Und dann war Suter, den man sich in jungen Jahren als eine Art Wunderkind der Werbung vorstellen muss, nicht lang später mit einem Mal Teilhaber der größten Werbeagentur der Schweiz und dachte, er sei reich. Die Agentur hat nicht lange gehalten, das mit dem Reichsein hat damals nicht so geklappt. Das schöne Geld immerhin steckte in einem Haus in der Altstadt von Ibiza-Stadt.

Es ist früher Nachmittag. Ana kommt gleich aus der Schule. Für Martin Suter geht das Leben weiter im Paradies. Suters Haushälterin fährt mich durch Stein und Staub zurück.