Kunstsache

Mortadella in Öl

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Bei meiner aktuellen Lieblingsausstellung in Berlin geht es um die Wurst. Die Fleischmasse in der Pelle ist ja ohnehin in der Geschichte der Gegenwartskunst keine Unbekannte - sei es als Motiv, sei es als Material. Insbesondere Schweizer Künstler scheinen von ihr fasziniert. Man denke etwa an die "Wurstserie" von Fischli/Weiss oder die "Literaturwürste" von Dieter Roth. Ich finde es gut, wenn Künstlern die hohe Kunst Wurst ist, denn dann wird es meistens lustig. Mit seiner Ausstellung "Mortadella" in der Galerie Nolan Judin reiht sich nun Christoph Hänsli in den Reigen der eidgenössischen Wurstliebhaber ein. An einer Wand der Galerie hängen, dicht an dicht, 332 kleinformatige, gerahmte Arbeiten. Der Zürcher Künstler hat eine handelsübliche, mittelgroße Mortadella in feine Scheiben geschnitten und jede einzelne Scheibe sorgsam in Acryl und Öl nachgemalt. Das Ergebnis ist einerseits hyperrealistische Malerei, andererseits bilden die weißen Fettflocken im Aufschnitt ein interessantes abstraktes Muster. Hänsli ist außerhalb der Schweiz kaum bekannt, gehört für mich zu den spannendsten Entdeckungen der letzten Zeit. Großartig, mit welch knochentrockenem Humor er die alltäglichsten Dinge in seine Kunst aufnimmt! Auf einem Bild ist ein Altkleider-Container zu sehen, auf einem anderen ein Schalter aus einem Krematorium. "Tür auf" und "Tür zu" steht auf zwei Knöpfen. Mehr will man eigentlich gar nicht zu wissen. (Bis 13. Oktober, Potsdamer Straße 83, Schöneberg)

In dieser Woche beschäftigt mich also der Humor. Ich finde ihn gerade bei Künstlern wichtig, weil er ihre Werke nicht nur klug sondern auch auf eine bescheidene Weise elegant wirken lässt. Ein versierter Pointen-Lieferant ist Vadim Fiskin. In der Galerie Gregor Podnar richtet er zum Beispiel einen Scheinwerfer auf zwei simple Zuckerwürfel. Die Lampe hat der russische Künstler dabei so manipuliert, dass der Schatten der Würfel wie zwei Hochhaus-Türme aussieht, inklusive kleiner Fenster. Auf den ersten Blick nahm ich das bereitwillig hin. Bis ich mich fragte, wann ich eigentlich zum letzten Mal einen Schatten mit Fenstern gesehen hatte. Ein ähnliches Schattenspiel mit der Wahrnehmung des Betrachters spielt Fiskin, wenn in einem anderen Werk aus einem leblosen Farbeimer der Umriss einer Palme auf der Wand entsteht. Dass der Künstler auch bei den absurdesten Installationen nicht an Energie spart, beweist er, wenn er fünf Standventilatoren ein einzelnen Windrad antreiben lässt. Viel Wirbel um Nichts: Don Quijote hätte mit diesem Werk wohl seinen Spaß gehabt. (Bis 22. Sept./bis 1. Sept. geschlossen, Lindenstraße 35, Kreuzberg)

Der dritte und letzte Scherzbold in der Reihe ist Guillaume Bijl. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Belgier damit, alltägliche oder besondere Gegenstände auf Floh- oder in Supermärkten aufzugabeln und diese in kleinen Realitätshäppchen zu servieren. Bei Christian Nagel zeigt er jetzt einige dieser absurd wirkenden "Compositions Trouvées". In einer Ecke hat er zum Beispiel ein kitschiges Pferdeposter, mehrere Tüten mit Pferde-Leckerli, einen Heuballen und ein paar Stiefel zu einem Altar für die vollblütigen Leidenschaften pubertierender Mittelstandsmädchen komponiert. Höhepunkt der Ausstellung ist aber sicherlich die Vitrine mit Bijls Froschsammlung: Es gibt darin Frösche mit Ferngläsern, mit Badehosen, mit Goldkettchen, mit Schwimmreifen. Frösche, die auf gläsernen Podesten hocken und solche, die auf kleinen Plastiktischen liegen. Alles Figuren sind potthässlich: Wer etwas so Unansehnliches so ansprechend präsentiert, der nimmt auch die eigene Künstlerrolle nicht bierernst. (Bis 8. September, Weydinger Straße 2/4, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien