Saisonauftakt

Sir Simons wilde Jagden und zarte Verlockungen

Gelungener Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker

Das Eröffnungskonzert der Philharmoniker-Saison unter Simon Rattle ist immer eine seltsame Plattform: Sie setzen in Berlin den Auftakt (auch wenn dieses Jahr das Konzerthausorchester mit dem neuen ungarischen Chefdirigenten Iván Fischer vorgeprescht war), danach legt das Musikfest los. Der Hauptsponsor hat hier seinen großen Auftritt, und sogar Bundespräsident, Bundestagspräsident und Regierender Bürgermeister gaben sich diesmal die Ehre. Mit Brahms und Lutoslawski war zudem die bewährte Bündelung von genussvoller Romantik und aufgeklärter, niemanden verschreckender Moderne genau ausbalanciert im Angebot.

Schon bei den ersten, entspannten Horntönen Stefan Dohrs als Einstieg in Brahms' 2. Klavierkonzert B-Dur war klar - das wird trotzdem ein schöner, gehaltvoller Abend, der nicht nur offizielle Demonstration ist. Mit Yefim Bronfman war ein Solist aufgeboten, der wie kaum ein anderer kraftvoll den stählernen Charakter des Klaviers zu betonen vermag. Diesmal hielt er sich zurück, ließ seine Stimme wirklich im sinfonischen Gewebe der Partitur aufgehen, war besonders im traumfeinen 3. Satz dem honigklaren Celloton Ludwig Quandts ein großartiger Partner. Das Schlachtross, als welches dieses Konzert gern gegeben wird, blieb also im Stall, hier wurde nur sanft gewiehert, respektive versonnen niveauvoll miteinander musiziert. Man forderte sich nicht heraus, ergänzte einander, ohne allzu viel Energie zu verschwenden.

Danach erinnerte man an den noblen Polen Witold Lutoslawski, der am 23. Januar 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Er selbst hat hier 1985 zuletzt seine zwei Jahre zuvor uraufgeführte 3. Sinfonie dirigiert. Jetzt sezierte Simon Rattle emphatisch den halbstündigen Einsätzer, der mit seinen nervösen, oft solistisch intonierten Motivfloskeln zunächst der sinfonischen Großform zu widersprechen scheint. Und der doch - auf vertikaler, statt horizontaler Ebenen - durchaus systemkonform vorgeht, sich gegen Ende hin verdichtet und in einem effektvollen Schluss gipfelt.

Nachdenken über Musik als süffiges Klangexperiment, mal zärtlich lockend, mal schartig schräg. Die Philharmoniker spielten das mit Freude an der Forte-Detonation wie an der konzentrierten Linie. Rattle dirigierte straff, aber Raum lassend für die quasiimprovisatorischen Momente. Da waren Spielfreunde und intellektueller Witz gleichermaßen zu bestaunen, wilde Jagden und zart modelliertes Verweile-doch. Eine Partitur, die anregt, fast kulinarisch herausfordert. Danach wirkten die Mini-Zugaben von Peter Tschaikowsky und Antonin Dvorák in ihrer geschärften Klangsinnlichkeit ebenso frisch und frech.