Dirigent

"Hier kämpfen alle mit offenem Messer"

Sein Job, sagt er, ist der schwierigste Chefposten der Musikwelt: Heute startet Simon Rattle in sein elftes Jahr mit den Berliner Philharmonikern

"We are a real Mischung." Das sagt in seinem immer noch kuriosen Deutsch-Englisch ein sichtlich entspannter Simon Rattle beim Mittags-Sushi. Und er meint damit nicht einmal seinen gern querschießenden Haufen von 128 superbegabten, aber auch superdickköpfigen Musikern, die weltweit als Berliner Philharmoniker Furore machen. Nach zehn durchaus turbulenten, alles andere als leichten Jahren, nach denen der Chefdirigent immer noch nicht weiß, was der angeblich unter ihm verlustig gegangen "deutsche Klang" sein soll, startet er heute Abend in der Philharmonie in sein elftes Berliner Jahr.

Vieles ist seither passiert. Nicht nur ist er selbst längst zum Sir Simon nobilitiert, zum dritten Mal verheiratet und noch einmal Vater von zwei Söhnen (7 und 4) geworden. Diverse Schlachten mussten geschlagen werden, in der Öffentlichkeit wurde sein Dirigierstil, seine Repertoireauswahl, seine Annäherungen an die Klassiker heftig diskutiert, mehr aber noch hinter den Kulissen. Und der Chefdirigent ist bei diesem so behutsam zu regierenden, von vielerlei Gremien und irgendwo auch einem Intendanten geführten Orchester schließlich der, der gar nicht so viel entscheidet und anrichtet, aber immer alles ausbaden und balancieren muss.

Fordern und gefordert werden

Die geschätzten älteren Gastdirigenten - Claudio Abbado, Mariss Jansons, Bernard Haitink, Herbert Blomstedt - kommen und gehen, dann herrscht Chefalltag mit Rattle. Der fordert und will gefordert werden will. Da fliegen aber nicht nur die Noten. "Wenigstens kämpfen hier alle mit offenem Messer", sagt Rattle freimütig. "Freunde und Feinde sind immer noch dieselben wie am Anfang, dazwischen gibt es nur ein paar, wie heißen die noch mal auf Deutsch? - Wechselwähler." Er will nicht mehr unbedingt geliebt werden wie früher, aber ernst nehmen, das soll man ihn schon. "Ich wusste schließlich schon vorher: Das hier ist der schwierigste Chefposten der ganzen Musikwelt".

"A real Mischung", das bezeichnet also vor allem die um die tschechische Mutter, die Mezzosopranistin Magdalena Kozena, erweitere britische und inzwischen irgendwie auch deutsch geprägte zweite Rattle-Familie. Das gilt aber natürlich auch für das Orchester. Aus 26 Nationen kommen inzwischen dessen Mitglieder, viele haben noch gar keine Orchestererfahrung, bringen aber ihre Kammermusikexpertise ein. Als für ihn wichtigste Dirigenten seiner Generation sieht der 57-jährige Rattle Christian Thielemann regelmäßig an das Berliner Pult wiederkehren (dieses Jahr mit ungewöhnlichem Liszt- und Verdi-Programm), mit Esa-Pekka Salonen hat es in der neuen Saison aus Termingründen wieder nicht geklappt. Dafür sind alle jungen Dirigenten aufgeboten, die für Rattle die Zukunft dieses Orchesters verkörpern: Gustavo Dudamel, Andris Nelsons und Kirill Petrenko. Mit Daniel Barenboim gibt es wegen Terminschwierigkeiten keine Orchesterkonzerte, dafür spielt er Duo mit dem scheidenden Konzertmeister Guy Braunstein, der nach 12 Jahren wieder solistisch arbeiten will.

Ein Schlüsselkonzert der neuen Saison wird sicher die Aufführung von George Gershwins "Porgy and Bess" im Rahmen des Musikfestes Berlin, schließlich war diese wahrlich nicht alltägliche Oper 1986 einer der ersten großen internationalen Erfolge von Simon Rattle beim englischen Glyndebourne-Festival. Und mit Brahms und Lutoslawski heute Abend werden zwei Programmschienen gestreift, die ihm als Chef in Berlin wichtiger geworden sind: die Tradition und die klassische Moderne. So feiert man die 100. Geburtstage von Lutoslawski und Benjamin Britten.

Um Uraufführungen hingegen ist es stiller geworden. Schon in der letzten Spielzeit musste Osvaldo Golijovs Violinkonzert verschoben werden - dafür ist dessen Solist Leonidas Kavakos jetzt (nach vielen Pianisten) als erster Geiger Artist in Residence. Jörg Widmanns Klavierkonzert für Yefim Bronfman wurde nun ebenfalls nicht fertig, stattdessen gibt es die europäische Erstaufführung seines Flötenkonzerts für Emanuel Pahud. Im April folgt ein Orchesterwerk des einstigen philharmonischen Bratschisten und längst als Komponisten renommierten Brad Dean, zum 40. Jubiläum der Orchesterakademie komponiert Benedict Mason. Überhaupt die Akademie: Rattle gerät ins Schwärmen, hält sie, neben dem eigenen Haus, für Herbert von Karajans bleibendsten Verdienst. "Nur für junge Dirigenten müssen wir da noch was machen. Vielleicht finanziere ich das."

Silvester mit Cecilia Bartoli

Als Debütanten erscheinen die Dirigenten Manfred Honeck und Louis Langrée, der ganz bewusst ein komplettes Mozart-Programm angesetzt hat ("das Schwerste überhaupt", warnt Rattle) sowie der Barockspezialist Andrea Marcon erstmals am philharmonischen Pult. Der alte Klavierfreund András Schiff widmet sich in einer eigenen Kammermusikreihe dem Klavier- und Liedwerk Robert Schumanns. Beim Silvesterkonzertduell mit Thielmanns Dresdnern und dem ZDF, wo man mit Kálmán hochkarätig dem Operettenfrohsinn frönt, glaubt man, in der ARD und in Berlin ein zusammengewürfelt anmutendes Tänzeprogramm entgegensetzen zu können, das freilich von Cecilia Bartoli mezzovergoldet wird.

Weil man das getanzte Education-Project "nicht besser machen kann, als es Sasha Waltz gelungen ist", schwenkt man nach zehn Jahren um auf Jugendchöre. Und reisefreudig sind die Berliner natürlich auch: Skandinavien, Prag, Wien, London, Paris stehen neben der neuen Osterfestpiel-Residenz Baden-Baden auf dem Tourplan. Die Zurückgebliebenen können sich ja zwischenzeitlich mit mehr als 170 Konzertaufzeichnungen in der Digital Concert Hall trösten.