Kunst

Vom langsamen Verschwinden der Bilder

Documenta-Künstler Yan Lei kopiert Bilder aus dem Internet - und übermalt sie wieder

Marilyn Monroe, sehr blond. Irgendwo die hübsche Scarlett Johansson. Dicht an dicht hängen sie. Und dann Jackie Kennedy. Dort sehen wir eine umgekippte Costa Concordia. Der Raum von Yan Lei in der Documenta-Halle in Kassel gehört zu den schönsten der Weltkunstschau. Wie in alten Bildertempeln früher Usus, hat der chinesische Künstler die hohen Wände - von oben bis unten - mit seinen bunten Bildern bis unter die Decke "ausstaffiert". Petersburger Hängung nennt man das Prinzip, das auf die Dichte der Werke setzt. Alles sieht bunt, schick und poppig aus. Ein bisschen so, als hätte Andy Warhol sein Studio hier wieder neu eröffnet.

"So viele Bilder hat ein Künstler gemalt?", fragt ein Besucher, der sich verblüfft umschaut. Der Mann ist nicht dumm, die Frage berechtigt. Denn Yan Lei hat fast ein Jahr lang, exakt 360 Tage, jeden Tag ein Bild, das ihn interessierte, aus dem Internet herausgefischt und es auf Leinwand malen lassen.

Aber halt, einige der Bilder sind reine Monochrome, ein froschgrünes ist dabei, ein pinkfarbenes, ein honiggelbes. Diese komplette Übermalung ist Teil der Aktion von "Limited Art Project", so nennt es Yan Lei, der in Peking lebt. Im Laufe der Documenta wird also die Zahl seiner einfarbigen Rechtecke immer größer. Das allmähliche Auslöschen der Bildmotive, das eben ist die Pointe. Im Baunataler VW-Werk Kassel werden sie mit Autolack übersprüht, um dann in der Documenta-Halle an derselben Stelle wieder aufgehängt zu werden. Gestern wurden zwei Bilder - ein Selbstporträt und eine barbusige Frau - abtransportiert.

Auszubildende bei VW übernahmen den Job als Co-Künstler. Werkstätten großer Künstler gab es schließlich schon im Mittelalter. Yan Lei, so erfährt man, habe darauf bestanden, dass das Ganze ein industrieller Vorgang ist: Die Bilder werden an fließbandartigen Ketten befestigt und vor einer Sprühwand übergemalt. Für gewöhnlich werden hier Fahrzeugteile lackiert.

Warum Yan Lei das macht? Man darf das Projekt wohl als ironischen Kommentar auf die in China in allen Bereichen weit verbreite Fälscher-Manie verstehen. Fake ist dort alles. Egal ob iPhone, Gucci-Täschchen oder eben Werke der großen chinesischen Künstler wie Lis Xiaodong, alles wir gnadenlos reproduziert. Die Qualität? Nicht gleich als Fälschung zu erkennen. Gleichzeitig möchte Yan Lei wohl die Lebensdauer eines Kunstwerkes beschränken, als Hinweis auf die dauerhafte Bilderflut und universelle Verfügbarkeit im Internet. Einmal drin, immer drin. Und natürlich zertrümmert er den Mythos vom Künstler als Schöpfergenie, und damit die Idee, dass ein Kunstwerk für die Ewigkeit geschaffen ist. Ach ja, die Kunst. Ein bisschen demonstriert Yan Lei auch gegen ihre Versupermarktung. Die Gegenwartskunst in China boomt, Kunsthändler beschreiben das Land als das "größte Atelier der Welt", jeder, der malen kann, malt, und der Kunstmarkt, der explodiert.

Am Ende der Documenta, Mitte September, werden die Motive wohl verschwunden sein. Und derweil steht Yan Lei in der Documenta-Halle und posiert vor den Kameras.