Literatur

Er kann noch staunen

Wladimir Kaminer wundert sich über den russischen Alltag und das nächtliche Berlin

Über einen Spaziergang durch das nächtliche Berlin, vom Hauptbahnhof bis zum Mauerpark, kann man ein ganzes Buch schreiben. Zumindest wenn man Wladimir Kaminer heißt und es liebt, absurde Anekdoten zu erzählen. Der Autor von "Russendisko" kriegt in seinem Roman "Onkel Wanja kommt" Besuch aus der alten Heimat. Gemeinsam mit seinem alten, kränklichen Onkel wandert er durch Berlin und eine Zote bedingt die andere, verbindet Eigenheiten der ehemaligen Sowjetunion mit denen der heutigen Hauptstadt. Kaminer wechselt dabei munter zwischen verschiedenen Erzählperspektiven. Da gibt es die autobiografischen Absätze aus der Jetzt-Zeit, die von ihm als Autor handeln, zum Beispiel bei einer Lesung in einer Kirche in Hannover: "Die Veranstaltung kam mir so vor, als würde eine Veganer-Kantine einen Sonntagsschweinebraten anbieten, um mehr Kundschaft zu haben". Das Fundament der Erzählung bildet der späte Spaziergang durch Berlin und die Reaktionen des Onkels auf die fremde Stadt: "Ich habe mir das Ausland viel gemütlicher vorgestellt. Ich möchte nicht als Invalide auf der Invalidenstraße enden." Vor allem aber präsentiert Kaminer eine Fülle an Geschichten und essayistischen Beobachtungen aus dem spätkommunistischen Russland: "Außerdem darf sich nach russischem Recht jeder Schriftsteller den Namen eines anderen Schriftstellers als Künstlernamen zulegen und kann sich Dostojewski-Tolstoi oder Goethe-Faust nennen". Dieser dritte Teil macht bei weitem den Schwerpunkt des Buches aus.

Berlin war eine große Party

Vom Hölzchen aufs Stöckchen, könnte das Motto des gesamten Romans lauten. Der einzige rote Faden des Romans sind die einzelnen Haltepunkte, an denen Ich-Erzähler Kaminer und sein fiktiver Onkel Wanja auf ihrer Berliner Nachtwanderung vorbeikommen. Ausgehend von einer Station - sei es eine alt Berliner Kneipe, ein Friedhof oder das Döner-Paradies - hangelt sich Kaminer zwischen Ländern, Zeiten und Personen entlang, bis es zum Thema absolut nichts mehr zu sagen gibt. Dass es dabei trotzdem nicht langatmig wird, liegt an der Abseitigkeit der Themen, Anekdoten und Gedanken. Sie reichen von der Theorie über den Senfbrot-Kommunismus über rostendes, russisches Gold bis hin zu dem Plan der Sowjetischen Länder, mit einem Spiegel im Weltall die Richtung des Sonnenlichts zu kontrollieren und damit die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dabei spielt Wladimir Kaminer genüsslich jedes Klischee aus, das sich so anbietet: "Mein Onkel und ich, wir waren nicht in traditioneller russischer Tracht, sondern beide korrekt westlich bekleidet. Wir hatten, wenn überhaupt, unterwegs sehr leise miteinander gesprochen, nicht mit Wodkaflaschen gewunken und weder Matroschkas noch Balalaikas in den Händen."

Das kann Wladimir Kaminer einfach hervorragend: restlos übertreiben und dabei trotzdem noch soviel Wahrheit übrig lassen, dass seine Geschichten nicht unglaubwürdig werden. Und er hat den Vorteil, gleich zwei Länder und zwei Kulturen so gut zu kennen, dass er aus dem Nähkästchen der Volksseele plaudern kann. Das gerät in seinem aktuellen Werk zwar wegen der vielen unterschiedlichen Schauplätze hin und wieder etwas unübersichtlich, bleibt aber trotzdem irre witzig und unterhaltsam. Seit über 20 Jahren lebt der 45-Jährige nun bereits in Deutschland. Obwohl es eigentlich ein Zufall war, dass er tatsächlich hier geblieben ist. Es war im Juli 1990, als er mit seinem besten Freund im Berliner Hauptbahnhof einfuhr. Dort trafen sie auf eine völlig euphorisierte Stadt. An jeder Ecke fröhliche Berliner, die den beiden jungen Männern aus Russland Bier spendierten, hupende Autokorsos auf den Straßen, singende Menschen - die ganze Stadt eine große Party. "Wenn das immer so ist, wollen wir bleiben", dachten sich die völlig entzückten Auswanderer, die sich bis dahin noch nicht ganz sicher waren, ob sie überhaupt länger in Deutschland bleiben möchten. Doch diese Begrüßung überzeugte sie. Was sie nicht wussten: Deutschland hatte gerade die Fußballweltmeisterschaft gegen Argentinien gewonnen. Am nächsten Tag war die Party vorbei und Berlin wieder "grau und trist".

Geblieben sind sie dennoch. Und trotz der langen Zeit, die Wladimir Kaminer nun schon in Berlin lebt, hat er sich seinen frischen und staunenden Blick auf die Hauptstadt und die Eigenheiten ihrer Bewohner bewahrt. Egal, ob es um nie verschwindende Baustellen, Touristen oder die Gentrifizierung der Stadtteile geht -sie bewirken beim Leser ein amüsiertes "Klar, kenn ich auch"-Gefühl. Wenn Kaminer über die Besonderheit des Mauernflohmarkts schreibt, auf dem man zwar nie etwas kaufen möchte und trotzdem immer mit vollen Taschen nach Hause geht, liest sich das so: "Kaum zeigt man Interesse an etwas Bestimmten und kauft zum Beispiel einen Löffel, sofort reckt sich einem der gesamte Flohmarktbestand an Besteck entgegen. Löffel, Gabeln und Messer springen wie Pilze aus dem Boden - und einem in die Tasche."

Kapitalistische Kürbisse

Wer jedoch ein reines Porträt über Berlin und seine Bewohner erwartet, wird von Kaminers 19. Buch enttäuscht werden. Denn der Autor gräbt viel tiefer in den Seelen der Russen als in denen der Berliner. Die liebevollen Betrachtungen der russischen Eigenheiten überwiegen bei weitem die der Großstädter. Das ist auch überhaupt nicht schlimm - solange man eben kein Berlin-Buch erwartet.

Die selbstironischen Charakterisierungen der eigenen, alten Heimat sind herrlich boshaft, witzig und hintergründig. Wladimir Kaminer scheut sich nicht einmal davor, das russische Staatssystem mit dem Märchen von Aschenputtel zu vergleichen: "Der russische Kapitalismus basierte auf einem ähnlichen Zauber. Zwar waren alle zur Party eingeladen, doch niemand konnte sich sicher sein, wie lange er mitfeiern konnte. Doch anders als bei Aschenputtel verwandelte sich der Wohlstand samt aller Lebensentwürfe der Neureichen nicht pünktlich um Mitternacht - daran hätte man sich gewöhnen können - , sondern zu jeder beliebigen Stunde in Kürbisse. Ihre Geschäfte verwandelten sich in Kürbisse, ihre Immobilien, ihre Frauen, manchmal sie selbst."

Das Besondere an Kaminer ist nicht seine intellektuelle Schärfe oder seine literarische Weisheit. Versucht er sich an schwerwiegenden Gedanken, gleiten sie leicht ins Pathetische ab: "Wir sind alle Witzfiguren, am Gleis der Geschichte stehende Passagiere, die nicht wissen, ob ihr Zug noch nicht angekommen oder schon abgefahren ist." Dabei hat das Buch solche Sätze nicht nötig.

Kaminers Stärke liegt in den schrägen Gedanken und geisterreichen Pointen, die einzelne Geschichten wie eine rote Schleife zusammenbinden. Sie liegt darin, die absurden Anekdoten in ernsthafte Gedanken einzubinden, sodass es am Ende eine gesunde Mischung aus Quatsch, Küchen-Philosophie und Milieustudie entsteht. Und das ist ja auch ganz schön.

Wladimir Kaminer Onkel Wanja kommt - eine Reise durch die Nacht. Verlagsgruppe Random House Berlin, 192 Seiten, 19,99 Euro