Erzählungen

Barnes, der Meister der Anspielungen

Als halbwegs wortmächtiger Rezensent würde man sich normalerweise schämen, das Klischee zu verwenden, ein Autor habe seinen Finger "am Puls der Zeit", aber da Julian Barnes seiner neuen Sammlung von Kurzgeschichten selbst den Titel "Pulse" gegeben hat, kann man es doch wagen.

Barnes ist ja weniger ein Erzähler als ein Erkunder. Der deutsche Verlag hat für "Pulse" den ihm vermutlich verkaufsträchtiger erscheinenden, weil irgendwie gefährlich klingenden Titel "Unbefugtes Betreten" gewählt; aber der ist irreführend. Barnes ist kein Einbrecher, er ist ein Flaneur im Seelenzustand der gebildeten britischen Mittelklasse, der netten, linksliberalen Leute. Der Meister der Anspielung, des Ungesagten, hat keine Angst vor Formulierungen, die auch in einem Popsong stehen könnten. Das ist das Schöne an Barnes.

Julian Barnes: Unbefugtes Betreten. Kiepenheuer & Witsch, 292 Seiten, 19,99 Euro.