Konzerthaus

Das Publikum ist hin und weg: Ivan Fischers Einstand

Eine bemerkenswerte Uraufführung im Konzerthaus

Ivan Fischer ist ein eleganter Dirigent, einer, der auch auf dem Pult tanzt. Beim Konzerthausorchester gab der Ungar - mit einer Begrüßung durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit - seinen Einstand als Chefdirigent. Als schöne Geste hat Fischer seine zunächst dreijährige Amtszeit mit der Uraufführung eines "Nocturne" des Berliner Komponisten Detlev Glanert eröffnet.

Das zehnminütige Orchesterstück entwirft eine nächtlich-schwarze Spuklandschaft, die sich immer tiefer in düstere Albtraumwelten hineinschraubt. Nach einem verheißungsvollen Ruf der Querflöte antwortet das Orchester mit einem schockhaften Gegenschlag. Es folgt ein martialischer Marsch, der an Schostakowitsch erinnert. Nachtgesichter kommen und gehen. Um schließlich mit einem Schlag in einen todesähnlichen Dämmerzustand zu versinken. Fischer zwingt das Publikum mit seiner verharrenden Hand, der gespenstischen Stille nachzulauschen. Eine bemerkenswerte Uraufführung.

Voller Virtuosität führte sich die Geigerin Julia Fischer als neue Artistin in Residence am Konzerthaus ein. Über die Saison hinweg wird sie in verschiedenen Projekten zu erleben sein. Diesmal spielte sie gemeinsam mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott das Doppelkonzert von Johannes Brahms.

Beide sind seit Jahren schon hervorragend aufeinander eingestellt, was bereits im eröffnenden Dialog der beiden Solisten spürbar wird: So zart und innig ist dieses Miteinander nicht alle Tage zu hören. Auch im zügig genommenen, schnörkellosen Andante finden Orchester und Solisten zu einem sehr direkt sprechenden Ton. Leicht und kokett verwandeln die Musiker den Finalsatz in eine Sommernachtslaune voller Grillen und schaffen damit vor der Pause den Gegenpol zu Glanerts Nachtstück. Dem schieben die beiden Solisten in artistischer Brillanz die Passacaglia von Johan Halvorsen auf ein Thema von Händel nach. Das Publikum ist hin und weg.

Fischer, der als Musikdirektor auch für das Gesamtprogramm des Konzerthauses verantwortlich ist, hat sich im Vorfeld mit der Akustik im Großen Saal auseinandergesetzt. Eine neue Orchesteraufstellung ist herausgekommen, die Kontrabässe sitzen hinterm Orchester, die Geigen vorn und auf beide Seiten verteilt. Einige Gruppen sind auf erhöhten Podesten platziert. Der Klang scheint voller, runder und zugleich durchsichtiger geworden zu sein.

Dvoraks siebte Sinfonie hat er sich für seinen Einstand als Hauptwerk gewählt. Der Dvoraksche Legendenton bekommt unter Fischers Leitung etwas Verzaubertes, Erinnerungen wehen ins Publikum herüber. Sein Orchester lässt die Musik atmen, die Gesten sind bis in die einzelnen Stimmen hinein nachzuvollziehen. Am Ende jubelt das Publikum und möchte den neuen Chefdirigenten gar nicht von der Bühne gehen lassen.

Das Fazit des Abends: Die beiden Fischers, Dirigent und Geigerin sind übrigens nicht miteinander verwandt, haben sich aber sofort in die Herzen ihres Publikums spielen können. Eine gute Saison kündigt sich am Gendarmenmarkt an.