Bonaparte

Viel Schminke und eine wilde Schiffsreise durch Berlin

Die Poppunk-Band Bonaparte bringt ihr drittes Album raus

Das tieftönige Tuten des Schiffs dröhnt über das Wasser hinweg. Während der Kahn im Begriff ist zu sinken, steht der Kapitän noch auf der Brücke. Er mahnt die Musiker an weiterzuspielen. "Das letzte Interlude spielen wir dann unter Wasser." Der Kapitän ist neben dem japanischen Tenno, der letzte echte Kaiser auf Erden. Er nennt sich Bonaparte, ist 33, eigentlich Schweizer, wohnt aber seit 2006 in Berlin, heißt Tobias Jundt, ist klitzeklein, genauso wie der Franzose, größenwahnsinnig, auch wie der Franzose und gemeinsam machen wir eine Schifffahrt. Sein drittes Album "Sorry we're open" ist gerade erschienen und beginnt mit eben diesem tieftönigen Tuten.

Am Heck eines Ausflugsdampfers sitzen wir direkt über dem Maschinenraum. Des Kaisers Fingernägel sind ganz erdig. Die weiße Hose fleckig. Schließt man die Augen, und hört dem kleinen Mann zu, schweifen die Gedanken ab. Sie gehen weit runter in den Süden, nach München. Er spricht manchmal wie Hans Klarin als Pumuckl. Einige Songs hat er nach Koordinaten benannt. Einer heißt zum Beispiel "40°42'48.46 N 73°58'18.38 W". Das ist genau in der Mitte der Williamsburg Bridge, die Manhattan mit Brooklyn verbindet. Früher stand da der Jazzer Sonny Rollins und hat getrötet, den mochte Bonaparte schon als Teenager. Jedenfalls habe er diese Koordinaten nicht bewusst gewählt. "Man macht oft Dinge und dann macht das alles total..." - die Pumuckl-Stimme lässt das letzte "a" zu einem krächzenden Reiben im hinteren Teil der Kehle werden, - ..."Sinn". Und er freut sich so sehr, dass Sonny Rollins genau da stand, wo die Koordinaten sind.

Derweil verlässt das Schiff den Westhafen. Natürlich steht davor ein Häuschen mit Wachmann und Schranke. Einem sehr dünnen Wachmann, der sehr viel raucht. Es regnet kleine verspielte Tropfen. Das wäre gar nicht so schlimm, wenn die Fahrt nicht eine Pressefahrt für geladene Gäste wäre, die an der Friedrichstraße zusteigen. Der echte Kapitän, also der, der das Schiff lenkt, kommt auch noch zu spät. Also sitzen wir weiter über dem Motor und reden über das Kaiser-Dasein. Bonaparte fühlt sich als gütiger, warmherziger Herrscher. Bei seinen Konzerten gönnt er den Tänzerinnen und anderen Musikern sogar eine Showeinlage. Sie dürften ihn sogar mit Matsch beschmieren. Aber das tun sie freilich nicht.

Seine Shows sind weltberühmt. Burlesque-Tänzerinnen mit Pferdeköpfen, Muskelmänner, denen Brüste aus den Beinen wachsen, alles ist da drin. Brecht fände das sicher gut, wenn er das in der Bar 25 gesehen hätte. Das war Bonapartes Anlaufstelle in Berlin. Dieser kleine Kreis von Verrückten, der irgendwann riesengroß wurde. So sah man auch sein Ensemble, die Musiker, die Tänzerinnen häufiger dort, heute natürlich im Kater Holzig. Der Musiker hätte die zweite Etage des Katers für ein Studio haben können. Jetzt steht es irgendwo in Mitte und wir fahren während unserer Bootstour daran vorbei.

Die Sonnenstrahlen treffen die eingestiegenen Gäste. Rummelsnuff ist auch dabei, sowie das gesamter Berliner Medien- und Musikvolk und irgendwelche Menschen, die es immer wieder schaffen, sich da reinzuschmuggeln. Unten im Glasbauch des Schiffes singt Bonaparte seinen vielleicht größten Hit "Too Much", - und das ist schön. Das Boot schaukelt, die Gäste tanzen ein bisschen.

Mit einem Tuten legt das Schiff wieder an der Friedrichstraße an. Und der kleine Mann ist immer noch geschminkt, ein Auge ist schwarz angemalt, und wir gehen bis zur Oranienburger Straße. Und dann sagt er, "eigentlich, hab ich gar keine Lust auf alles. Ich will sofort nach New York, eine neue Platte machen." Später vielleicht, erst einmal wird er beim Berlin Festival Anfang September dabei sein.