Kunstsache

Von Engeln, Diktatoren und Lockenwicklern

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Es gibt nur wenige Menschen, die behaupten können, in Hitlers Badewanne gesessen zu haben. Eine von ihnen ist Lee Miller. Die amerikanische Fotografin war als Kriegsberichterstatterin mit den US-Truppen unterwegs und landete so auch in Hitlers verlassener Villa in München. Dort entstand das Selbstporträt, das sie in der Badewanne sitzend zeigt.

Das Bild ist heute weltberühmt - und man kann es derzeit nicht nur auf der Documenta in Kassel, sondern auch in einer Ausstellung in der Galerie Hiltawsky bewundern. Wobei man feststellen muss, dass die Fotografin die Szene wohl etwas inszeniert hat. Millers schwere Militärstiefel stehen etwas zu demonstrativ auf dem dreckigen Badezimmerläufer. Und auf den Fliesen über der Wanne klebt ein Porträt von Hitler. Das wäre vermutlich selbst für einen unverbesserlichen Narzissten wie den deutschen Diktator eine Spur zu viel gewesen. Es ist dennoch ein tolles Foto, das man leider nicht kaufen kann. Dafür gibt es in der Ausstellung andere wunderbare Miller-Werke zu erwerben. Picasso und seinen Sohn Claude beim Herumalbern im Mittelmeer etwa. Ein Solarisations-Porträt von Meret Oppenheim. Oder das wunderbare Foto von Max Ernst, der als alter Mann im Schneidersitz auf dem Boden eines Holzhauses in Arizona sitzt - nur mit einer weißen Shorts bekleidet und mit einem Holzhammer in der rechten Hand. Das Bild wirkt so surreal, wie man sich den Künstler immer vorgestellt hat. (Bis 6. Oktober, Tucholskystraße 41, Mitte)

An hervorragenden Schwarz-Weiß-Fotografien herrscht in Mitte gerade kein Mangel. Ich besuche die Galerie Kicken. Dort sind Bilder von Diane Arbus zu sehen, die gerade auch mit einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau geehrt wird. Die New Yorker Fotografin beschäftigte sich bis zu ihrem Selbstmord im Jahre 1971 mit den ausgefalleneren Erscheinungen dieser Welt. Bei Kicken dürfen natürlich die großen Arbus-Hits nicht fehlen: Der junge Mann mit Lidschatten und Lockenwicklern etwa. Besser gefielen mir jedoch die weniger bekannten Aufnahmen. Zum Beispiel die von der Miss-Wahl anno 1962 in Kalifornien, bei der die auftoupierten Damen so hilflos uninszeniert herumstehen, wie eine Pudel-Parade. Und ganz großartig fand ich das Foto von der Geburtstagsparty des einsamen und doch recht fülligen Transvestiten. An der Wand hängen spärlich verteilte und leicht phallisch wirkende Luftballons. Die Cremetorte steht auf dem Bett und dahinter liegt der blonde Engel, wie von Tizian gemalt. Ein Lächeln ziert sein Gesicht. In der rechten oberen Ecke fehlt ein Zahn. (Bis 1. September, Linienstraße 161A, Mitte)

Mit Fotografie hat die Kunst von Hans Hartung nichts zu tun. Andererseits hat sich der deutsche Informel-Künstler, der 1934 nach Frankreich emigrierte, Zeit seines Lebens nie der branchenüblichen langsamen Malereigeschwindigkeit angepasst. Seine Bilder entstanden vielmehr blitzartig, im Moment. Umso mehr, als er im Alter die Lackierpistole zum Malen einsetzte. Allein 1989, in seinem letzten Lebensjahr, sollen damit über 300 Gemälde entstanden sein. Wie spontan Hartung bei seinem Alterswerk vorging zeigt jetzt die Galerie Fahnemann mit der Hartung-Werkgruppe "Fait le 29.7.89". Es handelt sich dabei um fünf Leinwände, die alle am selben Juli-Tag entstanden. Über weiße Leinwände folgte ich dem wilden Auf-und-Ab schwarzer und blauer Farbspuren, die wie verknäuelte Ariadnefäden oder aufgeribbelte Spinnennetze aussehen. Und staunte über die ungebrochene Vitalität, die noch von diesen späten Bildern ausgeht. (Bis zum 1. September, Fasanenstraße 61, Charlottenburg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien