Mythos Olympia

Höher, schneller, weiter

Nach den Spielen in London widmet sich nun eine Schau im Gropius-Bau dem "Mythos Olympia"

London ist vorbei, doch Olympia ist nie zu Ende. Ab dem 31. August widmet sich eine große Ausstellung im Martin-Gropius-Bau dem Mythos der Spiele, mit knapp 600 Leihgaben allein aus Griechenland. Ein teures Unternehmen, weil die kostbaren Exponate transportiert werden müssen.

Olympia, ein Mythos. Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die archäologischen Arbeiten, ab 1806 gruben englische Forscher die antike Stätte im Nordwesten der Peloponnes aus. Olympia gab es, und es existiert bis heute. Es ist ein realer Ort, der seinen Mythos über den Sport gebar. Er wird bis heute fortgeschrieben.

Dabei ist manchmal schon komisch, was die Zeiten überdauert. Die Namen der meisten Sieger der ursprünglichen Olympischen Spiele im antiken Griechenland sind verloren, doch diejenigen der Betrüger, vorsintflutlicher Dopingsünder, sind erhalten. Eingeritzt in Denkmäler der Schande, auf denen früher die sogenannten Zanes-Statuen standen, bezahlt von den Strafgebühren überführter Schwindler. Sie stehen Spalier am Eingang zum Stadion von Olympia, einem Ort, der so sehr Metapher geworden ist für das friedliche Kräftemessen aller Nationen der Welt, dass man es kaum glauben kann, wenn man ihn plötzlich erreicht, aus Athen kommend nach fünf Stunden Fahrt in einem klimatisierten Bus mit verdunkelten Scheiben. In diesem Land ist die Sonne der unerbittlichste, unbezwingbarste Gegner.

Der Zeustempel in Berlin

Vielleicht deshalb ist es den Griechen eingefallen, sich wenigstens untereinander zu messen, wenn man die Sonne - die ja nicht bloß die Sonne war, sondern auch ein Gott, Apoll, Sohn der urgöttlichen Titanen - schon nicht besiegen konnte. Apolls eifersüchtigem Vater Zeus bauten sie, um ihn zu besänftigen, in die Mitte dieser Kultstätte, die dem Sport geweiht war, einen großen Tempel. Wie die Namen der Sieger ist die riesenhafte Statue des Göttervaters verloren gegangen, als wäre sie in eine Ritze der Zeit wie hinter einen Zuschauersitz gerutscht - der damals freilich gar nicht existierte; der Sitz ist eine Laune bequemerer Jahrhunderte. Seit 430 vor Christus - rund 350 Jahre nach der ersten Olympiade - thronte die Statue jedenfalls im Zeus-Tempel von Olympia.

Sie ragte zwölf Meter empor, und das, obwohl sie einen sitzenden Zeus darstellte. Seine Miene soll friedlich gewesen sein, wenn auch mit gerunzelter Braue, was nach antiker Vorstellung ausreichte, um den Olymp zu heben. Die Statue ließ sich weniger betrachten als bewundern; sie schien den Tempel zu sprengen, so sehr duckte sich das Dach über ihrem Kopf. Ein quadratischer Schacht, der die Sonnenstrahlen hereinließ, korrespondierte mit einem Wasserbassin zu den Füßen des Gottvaters: Hier saß eine übermenschliche Lichtgestalt aus funkelndem Gold, Elfenbein und schwarz blitzendem Ebenholz. Ihr bloßes Aufstehen, womöglich gar ein Recken der Schultern, hätte genügt, die Mauern zu sprengen. 40 nach Christus scheiterte das Vorhaben des römischen Kaisers Caligula, die Statue, die als eines der sieben Weltwunder der Antike galt, nach Rom zu schaffen. Dreihundert Jahre später gelang der Transport nach Konstantinopel, das heutige Istanbul, wo sie wiederum hundert Jahre darauf einem Brand zum Opfer fiel. Von der mächtigen Statue ist nicht mal mehr eine verwitterte Scherbe übrig, nur noch ein paar Geschichten.

Der Tempel selbst ist erhalten. In Berlin wird eine Rekonstruktion der beiden Giebel des Zeustempels, jeder etwa 30 Meter lang, im prachtvollen Lichthof des Gropiusbaus den Mittelpunkt der Ausstellung bilden. Original hingegen wird ein erstaunliches Detail sein, ein alter Keramikbecher. In seinen Boden sind folgende Worte geritzt:"Pheidiou eimi", des Phidias Eigentum bin ich. Phidias, der Michelangelo der griechischen Antike, hat auch die aus Beutegeldern finanzierte Pallas Athene geschaffen, die die Athener Akropolis schmückte. Der Becher fand sich bei den Ausgrabungen im Schutt eines Ortes, den man als die frühere Werkstatt identifiziert hat. Es ist schon komisch. Die Sieger und der Gott sind verschollen, die verachteten Betrüger und der Becher des Meisters, nach dem er, während er sein größtes Werk schuf, gedankenlos griff, sind uns erhalten geblieben.

Wenige Meter von der Werkstatt entfernt lag das antike Stadion. Wenn dort - beobachtet nur von Männern und einer einzigen Frau, der Hohepriesterin Heras, die auf einem erhöhten Sitz Platz nahm (sie also doch, die Erfinderin der Stadionbestuhlung) - nackte Athleten aus ganz Griechenland ihre Kräfte maßen, schwiegen die Waffen. Kriege wurden unterbrochen, Fehden pausierten. Dennoch fieberte alles dem Sieg entgegen, schon vom zweiten Platz wurde keine Notiz genommen.

Einmal schlich sich eine Frau ins Stadion, als Trainer verkleidet. Als ihr Favorit, den zu sehen sie gekommen war, siegte, schrie sie auf vor Freude. Ihre helle Stimme verriet sie, ihr drohte die Todesstrafe. Doch sie wurde begnadigt, und als erster und bis auf Weiteres einziger Frau wurde ihr erlaubt, die Spiele zu sehen. Warum? Sie war verheiratet mit einem ehemaligen Olympia-Sieger und war Mutter dreier Söhne, von denen zwei ebenfalls bei den Spielen triumphiert hatten. Als sich der dritte für die Teilnahme qualifizierte, hatte sie es nicht ausgehalten und war, um ihn zu sehen, auf die List der Verkleidung verfallen. Als Ehefrau von einem und Mutter von gleich drei siegreichen Athleten gebührte ihr ein Platz über dem Gesetz, das war ganz selbstverständlich.

Im Martin-Gropius-Bau werden diese Geschichten plastisch gemacht - anhand der bedeutendsten Grabungsfunde, einer Darstellung der Spiele selbst und einer Dokumentation der Ausgrabungsgeschichte inklusive der Grabungsmethoden. Ein eigener Saal versammelt Leihgaben aus dem Vatikan, aus Athen, Rom und Dresden, die die antiken Sportarten vorstellen - Leichtathletik, Schwerathletik und Siegerbilder. Sie haben nicht nur sportgeschichtlich einen kaum zu überschätzenden Einfluss gehabt, sondern haben in ihrer muskulösen Nacktheit die Entwicklung des westlichen Menschenbildes geprägt. Olympia ist nie vorbei.