Interview

"Wichtige Dinge sagt man immer leise"

Der Ungar Ivan Fischer eröffnet heute seine erste Saison am Konzerthaus. Der neue Chefdirigent gehört zu den Grüblern

Dem Dirigenten beim Fototermin zuzuschauen, ist aufschlussreich. Eigentlich macht er alles freundlich mit, was der Fotograf von ihm will, aber irgendwie wirkt er auch abwesend, in sich gekehrt. Der Ungar Ivan Fischer, der heute sein erstes Konzert als Chef des Konzerthausorchesters leitet, ist künftig wohl der Intellektuelle unter den Berliner Chefdirigenten. Einer mit leisem Humor, der über das Husten im Publikum genauso nachdenkt wie über musikalische Brüche im 20. Jahrhundert. Volker Blech traf ihn im Dirigentenzimmer am Gendarmenmarkt.

Berliner Morgenpost:

Herr Fischer, es gibt ein lustiges Video auf YouTube, in dem Sie erklären, wie die Zuschauer in Ihrem Rücken husten.

Ivan Fischer:

Man hört es natürlich. Man hat das Husten einmal in Dezibel gemessen. Ein durchschnittliches Husten ist vergleichbar mit einem Mezzoforteklang des Horns. Das ist ziemlich laut.

Und es stört Sie nicht beim Dirigieren?

Nein, es hängt von der Absicht des Hustens ab. Wenn jemand hustet, weil er es nicht mehr zurückhalten kann, verstehe ich das. Solche Momente gibt es. Aber diese nonchalanten, nicht richtig zuhörenden Leute, die im schönsten Moment reinhusten, das ist ärgerlich. Ich halte das Ganze für eine Konzentrationsfrage. Wer aktiv zuhört, hustet auch nicht laut bei leisen Stellen.

Sie sind neuer Chefdirigent am Konzerthaus. Was ist Ihre Botschaft, was sind Ihre Verbote für die Zukunft?

Für mich ist die Musik hochwichtig. Je älter ich werde, desto wichtiger wird sie für mich. Damit bin ich nicht allein. Musik erhebt die Leute, gehört zum Sinn des Lebens. Meine Liebe zur Musik möchte ich mit dem Publikum teilen. Verbote gibt es keine, wir können alles machen.

Die neue Ära des Konzerthauses wird gerade mit einer Plakatkampagne in der Stadt beworben. Darauf sind Sie zu sehen mit dem Spruch "Das Leise ist das Laute". Ist Ihnen die Welt zu laut?

Sicherlich ist man manchmal irritiert, dass man schreit. Aber das ist nicht schön. Die wichtigsten Dinge des Lebens sagt man immer leise.

Sie würden nur Werke dirigieren, zu denen Sie den Schlüssel haben, sagten Sie einmal. Das sind Werke von Bach, Mozart, Brahms, Mahler oder Bartok. Haben Sie in all den Jahren auch mal einen Schlüssel wieder verloren?

Es gibt Stücke, die ich vermeide. Auch von meinen Lieblingskomponisten. Gustav Mahler ist zum Beispiel einer meiner Lieblingskomponisten, aber ich werde nie seine Achte Symphonie aufführen. Das kann ich hier versprechen. Das überlasse ich meinen Kollegen.

Einer Ihrer großen Vorgänger an der Budapester Staatsoper, Otto Klemperer, leitete hier in Berlin bis Anfang der Dreißigerjahre die untergegangene Krolloper. Gibt es etwas, was Sie beide verbindet?

Klemperer war ein fantastischer Musiker. In seinen jüngeren Jahren war er ein moderner Typ, ein Erneuerer. In der Zeit der Krolloper machte er das Modernste, was es überhaupt gab. Es hat der Oper total neue Richtungen gegeben. Ihm ging es um die organische Einheit von Musik und Szene. Ich glaube, das Modell Walter Felsensteins für die Komische Oper ist daraus erwachsen. Leider hat es sich nicht bis heute gehalten. Inzwischen haben wir in den Opernhäusern fast nur noch traditionelle Musik und moderne Regie. Das ist doch schizophren. Das ist es jedenfalls, was ich in den letzten vierzig Jahren in Deutschland beobachten konnte.

Sie sind kein Freund des sogenannten Regietheaters?

Ich empfinde es als eine totale Sackgasse. Was mich interessiert, ist die musikalische Erneuerung. In Einheit mit der szenischen Erneuerung. Regietheater ist nur eine halbe Lösung. Es ist szenische Erneuerung und musikalisches Konservieren.

Aus Budapest ist von Ihrem Vorgänger Klemperer überliefert, dass er sich 1948 mitten in einer "Lohengrin"-Vorstellung zum Publikum umdrehte, es beschimpfte und hinausrannte. Und das nur, weil das Publikum einem Sänger begeistert Zwischenapplaus spendete.

"Schweinerei" hat er gerufen. Es war ein Riesenskandal in der Oper. Der Klemperer war immer jemand, der gegen die unterhaltungsartige Operntradition anging. Applaus nach den Arien, das geht bei Wagner nicht. Die Musik läuft durch, er wollte keine Störung zulassen. Nach der Gralserzählung im "Lohengrin" sollte es sofort weiter gehen. Darum hat er den Skandal ausgelöst.

Musiker erzählen, dass Sie, wenn Ihnen etwas nicht passt, auch schon mal hinausrennen?

Ach nein, ich erinnere mich an keinen Fall. Aber das kann schon mal vorkommen. (lacht)

Ihr älterer Bruder Adam Fischer ist ebenfalls ein international erfolgreicher Dirigent. Sind Sie Konkurrenten?

Aber nein, wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben gerade telefoniert. Wir sprechen sehr oft über Sänger, weil er sehr oft Oper dirigiert und ich manchmal.

Wird er denn bei Ihnen am Konzerthaus gastieren?

Nein, da möchte ich Familie und Beruf nicht mischen. Ich habe da starke moralische Bedenken. Ich führe zum Beispiel auch nicht meine eigenen Kompositionen auf. Das fände ich auch nicht richtig.

Ernsthaft komponierende Dirigenten sind heute in der Minderheit?

Aber ich finde es sehr gesund. Ich rate es allen Dirigenten. Selbst wenn das Komponieren nicht so gut gelingt, aber man versteht den Prozess. Ein Dirigent nimmt Partituren ganz anders in die Hand, mit viel mehr Verständnis für die Komponisten.

Was sind Sie im Herzen mehr: Komponist oder Dirigent?

Dirigieren ist ein Beruf, den ich seit vierzig Jahren ausübe. Komponieren ist etwas daneben, ich habe nur wenig freie Zeit. Eigentlich habe ich nicht das Bedürfnis, es allen mitzuteilen. Es ist meine Sache. Dirigieren ist öffentlich, Komponieren etwas Intimes.

Im Eröffnungskonzert spielt die Geigerin Julia Fischer, die in dieser Saison Artistin in Residence am Konzerthaus ist. Jetzt reden wir einmal nicht über technische Brillanz oder Werkkenntnis, sondern darüber, welche Eigenschaft Ihnen bei jungen Künstlern am wichtigsten ist.

Ehrlichkeit. Ich mag kein künstlerisches Angebertum.