Fernsehen

Der Mann nach Harald Schmidt

Gregor Gysi und Helge Schneider sind die ersten Gäste: Ein Besuch bei der Aufzeichnung von Kurt Krömers neuer ARD-Show

Die Theaterplakate am Berliner Ensemble sind mit rot-weißem Absperrband überkreuzt. Heute: Deutsches Fernsehen, die erste Aufzeichnung der Sendung "Krömer - Late Night Show".

"Ick bin wieder da, Freunde!", ruft Kurt Krömer in den Saal, bringt ein verkürztes Stand-up als Warm-up, das schon ziemlich lustig ist. Dann beginnt der Teil, der am Sonnabend im Fernsehen läuft.

Eine Late-Night-Show zu bekommen, war in den 00er Jahren noch Krönung, 2012 wurde zu vorgerückter Stunde vor allem geköpft. Es war das Jahr, in dem die Großen des späten Abends starben: "Gottschalk Live!" in der ARD und "Die Harald Schmidt Show" auf Sat1, gleichfalls die E-Talk-Formate "Nachtstudio" und "Das Philosophische Quartett" im ZDF. Die Strahlkraft der Sendungen, ihre einstige Maßgeblichkeit war dahin, hieß es, die Aussage "Late-Night ist tot" zwangsläufig, es laufen jetzt US-Serien. Stefan Raabs Reklame-Trash "TV Total" sendet nach der Sommerpause weiter wie gewohnt, ist aber längst kein Diskursthema mehr.

Vielleicht hat Krömer, bürgerlich Alexander Bojcan, 37, Grimme-Preisträger, erkannt, dass er, aus Berlin stammend, der einzig sichtbare Kandidat für den späten Abend ist, "jung und unverbraucht", wie es die Intendanten der Öffentlich-Rechtlichen ausgeben als gefragtes Profil, und vielleicht ist Krömer deshalb, nach einjähriger Sendepause, vom RBB hinauf zur ARD. Einmal pro Woche.

Ganz sicher und unvermeidlich ist Sendeplatz-Vorgänger Harald Schmidt die Messhöhe für Krömer und seine Redaktion. Distinktion und Inspiration am Schmidt-Archiv: Es gibt keine Sidekicks, es gibt Reminiszenzen, gleich am Anfang einen Kurzauftritt von Dirk Bach. Krömer wurde von der Bundeswehr nach Afghanistan eingeladen. Er hat ein Kamerateam mitgenommen und Stoff für seine erste Sendung mitgebracht. Einspieler, Bilder der Komik aus dem Kriegsgebiet ins deutsche Wohnzimmer, hoppla, das ist neu. Krömer kultiviert das schräge, ostaltbauhafte Innenleben der Bühne seiner RBB-Show, etwas kleiner, ähnliche Requisite: Bett, Bar, Treppe; Teppich, Sofa, Tisch; Drehstuhl, Kühlschrank, Badezimmer.

Erster Gast ist Gregor Gysi, der Anti-Gast. Krömers Fragen sind der eigentliche Text der Sendung: "Ihr langjähriger Lebensgefährte hat sich von Ihnen getrennt - Oskar Lafontaine. Was war los?", "Im Bundestag sind Sie auch so ein Stänkerfritze, oder?", "Haben Sie mal Lust auf den Tisch zu hauen und zu sagen, 'ich finde die Kacke scheiße hier!'?" Die Antworten sind egal. "Ich habe Sie nicht verstanden, aber das ist egal", sagt Krömer. Gysi muss damit punkten, nicht beleidigt zu sein.

Krömers neues, fescheres Outfit lasen Medien als Signal "neuer Seriosität". Sein Wunsch, von Kulturautoritäten geliebt zu werden, ist möglicherweise wirklich ähnlich ausgeprägt wie beim frühen Schmidt. Der Witz ist schön Böse. In Interviews hält Krömer oft Schmidt-ähnliche Posen bereit: "Wenn ich meinen Porsche einparken lasse, drücke ich dem Parkplatzwächter nicht arrogant Geld in die Hand, sondern er bekommt den Rest meines Fahrbiers. Das ist etwas Persönliches."

Gysi erzählt dem Publikum, er wäre "auch sehr gerne" nach Afghanistan gereist, "um sich das mal anzugucken", aber man habe ihm nicht erlaubt, mit Zivilisten zu sprechen, sich frei zu bewegen, und unter diesen Bedingungen, nein!, nein!, habe er es nicht machen wollen. Gysi mimt ein ernstes Gesicht, Krömer lächelt und nickt. Er fliegt im Oktober wieder nach Kabul, ohne Bundeswehr, ohne Bedingungen.

Dann kommt Helge Schneider. Der Schneider-Besuch ist die klassische Show-Taufe. So war das bei Jauch, Gottschalk, Schmidt. Der improvisierte Schneider funktioniert ganz wunderbar, das schweigende Dasitzen mit dem zappelnden Politsprechgenie Gysi, für den Pausen vor Publikum, nun ja, schwierig sind - lustig.

"Ich habe schon lange kein Bier mehr getrunken", sagt Gysi. "Na, dann lassen wir es jetzt mal richtig knallen", sagt Schneider. Die digitale Aufnahmeuhr zeigt 53 Minuten und 27 Sekunden. Krömer hat ein bisschen überzogen. Den Rest macht der Schnitt.

Krömer - Late Night Show, samstags ab 18.8. um 23.15 Uhr, ARD