Literatur

Heimkinder, Hippies und Huren

Sibylle Berg schickt in ihrem neunten Roman einen Geschlechtslosen auf eine qualvolle Reise

Nach 400 Seiten mit sehr vielen kurzen Sätzen und noch viel mehr Aufzählungen ist man versucht, selbst so zu schreiben, in einem Rutsch, in einem Rausch, um nur ungefähr das Gefühl zu vermitteln, das über einen hereinbricht, beim Lesen über Geburt, Leben und Ende dieses freundlichen Menschen namens Toto, der so gut ist, dass er nicht hineinpasst in eine Welt, in der Smalltalk, Zebrafell-Vorleger und "fucking Apfelbäume" aus der Kindheit so wichtig sind wie nichts sonst, eine Welt, die der unsrigen gleicht - mit dem Unterschied, dass eigentlich alle Menschen einander wehtun und alles so verdammt trostlos ist, weil alle so schrecklich einsam sind, in der alle sterben müssen, selbst Kinder an unheimlichen Krankheiten. Doch woran genau liegt es, dass man am liebsten noch weitere 400 Seiten von einem solchen Buch lesen möchte?

Es liegt daran, dass Sibylle Berg es geschrieben hat, jene Autorin, die auch in keinem ihrer früheren acht Romanen wie nur eine Geschichte erzählt hat, sondern immer auch ihre Weltsicht beschreibt. Mit dem Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" gab sie im Jahr 1997 ihr großes Debüt und auch eine Richtung vor: Menschen tun einander weh und Liebe ist im besten Fall dauert im besten Fall ein schönes Wochenende. In "Sex II" und "Ende gut" trieb sie das auf die Spitze. Jetzt, nach mehreren Theaterstücken, Hörspielen und Kolumnen legt sie das Buch mit dem positiv klingenden Titel "Vielen Dank für das Leben" vor. Ein Roman, der in weiten Teilen eher eine unterhaltsame Abrechnung ist mit den Systemen der DDR, der BRD und denen ist, die noch kommen werden.

Es beginnt mit Toto, der ohne eindeutiges Geschlecht im Sommer 1966 auf die Welt kommt. Mutter und Hebamme wissen nichts mit ihm anzufangen. "Es ist ein Nichts", sagt der Arzt, als die Mutter fragt, was für ein Kind sie geboren habe. Dann spricht er von der Möglichkeit, das eine oder andere Geschlecht zu operieren. Sie entscheidet sich für einen Jungen - und stirbt bald darauf. Alkohol, Depression, oder umgekehrt. Für Toto beginnt eine Odyssee über Kinderheim, Republikflucht, Hippie-Kommune, Rotlichtviertel, Trabantenstädte, Krankenhäuser, Altersheim, in die Touristengebiete Thailands bis in das Paris des Jahres 2030.

Schlechte Laune wäre angebracht

Alle Orte hat Sibylle Berg wohl gewählt, denn an ihnen werden oft Menschen verwahrt, verlieren ihr Gesicht, werden behandelt wie eine statistische Verschiebemasse: Heimkinder, Hippies, Huren, Arme, Kranke, Alte, Touristen. Toto ist von sehr viel Minus umgeben und bleibt das einzige Plus im Roman. Er ist einfach grundgut, unfähig zu Sarkasmus, Zynismus oder sonst einer negativen Grundeinstellung. Das ist erstaunlich, denn angesichts der furchtbaren Dinge, die ihm passieren, wäre schlechte Laune hin und wieder durchaus angebracht.

Schon im Kinderheim wird er gefoltert, von anderen Kindern gedemütigt, geschlagen, von der Erzieherin Frau Hagen schließlich an eine tumbe Familie verkauft. Noch als Kind nimmt er sich etwas vor: "Ich werde niemals etwas wollen" schwört er sich, "ich werde ein Teil dieser hässlichen Umgebung sein, die man Natur nennt oder Gebäude, und ich werde, außer am Leben zu bleiben, keinen Ehrgeiz entwickeln." Er wolle wachsen und handeln, wie es die Lage verlangt, sich nicht wichtig nehmen und nett sein zu allen, die er trifft. Dieser Schwur wird ihn durch das ganze Leben begleiten, für den Leser ein Experiment, für Toto selbst ein Fluch.

Denn es gibt noch Kasimir, einen Jungen, den er im Kinderheim kennenlernt, der einzige, der ihn an sich heranlässt, der einen Zugang zu Toto bekommt, den kein anderer hat - der mit dieser Macht aber eben nicht das Gute will, sondern nur: Toto zerstören. "Das Leben", schreibt die Autorin, "dieser interessante biologische Umstand, hatte kein Mitleid, kein Gefühl, keinen überbordenden Sinn für Gerechtigkeit und niemand schuldete einem das Geringste." Solche Sätze drücken eine Sicht auf die Welt aus, die Sibylle Berg schon in früheren Romanen andeutet.

Dieser Roman ist eine weitere Schimpftirade auf die Verwaltung von Menschen in Systemen, die sie dem Menschsein beraubt. Das Buch macht Lust darauf, die Autorin zu widerlegen, dass eben das Leben doch aus mehr besteht als "Studieren, Wiegen, Spitze-Schreie-Ausstoßen, und um acht kommen Torben und Reinald." Letztlich zeigt Toto genau das mit seiner Verwunderung über die Dinge, die Menschen einander antun, seinem Weitermachen. Er folgt fremden Menschen in ihr Leben, einem gescheiterten Opernsänger, zum Beispiel, oder einem ehemaligen Biologielehrer, der unter der Brücke wohnt. Toto fragt den Lehrer ganz unschuldig, warum er sich nicht das Leben nehme. Er sagt: "Ich denke, vor meinem Tod sollte ich noch ein Buch schreiben."

Riesige Twitter-Gemeinde

Sibylle Berg selbst sagt, dass viel von ihr in Toto stecke. Wie die Romanfigur ist die inzwischen 50 Jahre alte Autorin in der DDR geboren, in Weimar, ihre Mutter war ebenfalls Alkoholikerin. Sibylle Berg reiste Mitte der 80er-Jahre so wie Toto aus der DDR aus - und auch sie hat Krankenhauserfahrung, nach einem Autounfall nach dem Fall der Mauer. Doch anders als Toto hat sie ein Refugium gefunden. Sie wohnt seit Jahren in Zürich und ist seit einer Woche auch Schweizer Staatsbürgerin. Über ihre neue Heimat hat sie gedichtet: "In Innstädten wohnen Bänker / Die Welt verödet und verraut / Die Reichen hocken in der Schönheit / Und haben sie vollends versaut."

Frau Berg hat also Humor. Das wird auch deutlich bei ihren Twitter-Einträgen. Mehr als 25.000 Menschen lesen dort ihre Meldungen und sie antwortet schnell auf ihre Leser. Eine Leserin fragte, warum sie so pessimistisch sei. Ihre Antwort: "Ich bin sehr optimistisch, sonst schriebe ich ja negative Bücher." Gerade aktuell verschenkt sie an ihre Online-Freunde Tickets für Lesungen in Hamburg, München, Erfurt, Stuttgart und Berlin. Dafür sollen die etwas leisten. Die meisten inszenieren das neue Buch: am Strand, am Fenster, als Feigenblatt oder sie legen es einfach in den Kühlschrank. Überall der Satz: "Vielen Dank für das Leben." Das ist schön, auch weil eine der Grundaussagen im Buch widerlegt. Sie steht auf Seite 329: "Toto hatte keine Freunde."

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben, Hanser, 400 Seiten, 21,90 Euro