Isa Melsheimer

Die Natur überwindet die Architektur

Feminine Installationen von Isa Melsheimer

Ein Strauß schreitet in einer Gouache von Isa Melsheimer vor dem "Kreuzberg Tower", am Hochhaus selbst wächst eine Blumengirlande empor. Überhaupt scheint sich in den Plastiken, Gemälden und Installationen, die Melsheimer zurzeit in der Galerie Esther Schipper zeigt, die Natur der Architektur zu ermächtigen: Im Skulpturengarten der Nationalgalerie spielen Wölfe und aus Betonobjekten sprießen Sukkulenten, der Umlauftank der Versuchsanstalt für Schiffbau am Tiergarten empfiehlt sich als Landeplatz für Greifvögel und in den Scharoun-Bauten am Kulturforum haben sich Fuchs und Waschbär eingenistet.

Melsheimer bezieht sich in der Ausstellung "A Green Archipelago" auf ein Städtebauprojekt, das 1977 von den Architekten Oswald Mathias Ungers, Hans Kollhoff und Rem Koolhaas vorgestellt wurde, um die damalige Inselstadt West-Berlin in ein Archipel urbaner Atolle umgeben von einem Meer grüner Naherholungsgebiete zu verwandeln. Der Plan atmete noch den rigorosen Geist der Nachkriegsmoderne.

Auf den Baumeister-Machismo antwortet Melsheimer mit einer betont femininen Installation. Einen raumteilenden Vorhang hat sie mit Details der urbanen Topografie bestickt. Hier überstrahlt das Corbusier-Haus die durchgrünte Landschaft des Berliner Westens, während die historische Mitte offenbar agrarisch genutzt wird. Den immerwährenden Architektentraum von Stadtvillen kennzeichnet sie mit Solitärbauten, will aber auch postmoderne Kulissen erhalten, die nach kurzer Lebenszeit von nicht einmal dreißig Jahren jetzt geschleift werden.

Diesen Stadtplan kann man teilweise ablaufen in einer Ausstellung, die wie ein Parcours von Architekturzitaten eingerichtet ist. Mies van der Rohes signifikante Edelstahlstützen, die seinen Barcelona-Pavillon tragen, tauchen als Hochglanz-Readymades auf; Stadtmobiliar wurde in Beton gegossen und Pfeiler mit Spiegeln verkleidet; dazwischen Topfpflanzen und Keramik im Look der Fünfziger-Jahre.

In einer Gegenwart, in der weniger Architekten die Ästhetik und Funktion der Stadt radikalisieren als Investoren ihre Nutzung, blickt Isa Melsheimer zurück in die jüngste Vergangenheit. Ihre konzeptuelle Schau sollte man als Anreiz auffassen, Urbanität wieder als offenes Modell der individuellen Aneignung unserer Umwelt zu begreifen.

Galerie Ester Schlipper, Schöneberger Ufer 65. Bis 18. August, 11-18 Uhr.