Dietmar Schwarz

Der Intendant greift die Staatsoper an

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Volker Blech

Dietmar Schwarz hat jetzt die Deutsche Oper übernommen. Dem Haus will er die alte Größe wiedergeben. Noch sitzt er auf einer Baustelle

"Es ist schon etwas anderes, wenn man das Ruder übernimmt", sagt Dietmar Schwarz. Es soll selbstbewusst klingen, und keinesfalls zu emotional. "Es ist sofortiges Handeln verlangt", fügt er hinzu. Dabei hat er schon seit Monaten in der Deutschen Oper zu tun, führt längst hinter den Kulissen die Geschäfte. In diesen Tagen hat er offiziell sein Amt als Intendant angetreten. In sein Büro konnte er allerdings noch nicht einziehen. Kurz vor der Sommerpause wurde festgestellt, dass der Estrich unterm Parkett gebrochen war. Schwer zu sagen, wer von seinen Vorgängern - Götz Friedrich, Udo Zimmermann oder Kirsten Harms - darin seine zerstörerischen Freuden- oder Wuttänze aufgeführt hat. Die Deutsche Oper hat in den letzten zwei Dekaden zweifellos einige Höhen und auch Tiefen erlebt. Schwarz hat jetzt seinen Computertisch in den großen Sitzungssaal gestellt, dort ist das Hämmern der Parkettleger nicht zu überhören. Er trägt es mit Gelassenheit.

Es gäbe genug leere Arbeitsplätze im Opernhaus, meint er. Seit der Wiedervereinigung sei die Mitarbeiterzahl von 1000 auf 550 Planstellen zurückgegangen, 55 Stellen sind derzeit nicht besetzt. Schwarz scheut sich nicht, über die Probleme seines Hauses zu reden. "Das ist mein Job", sagt er. "Leider sind wir in einer ständigen Verteidigungshaltung." Und er erinnert nur an den Vorstoß der Piraten-Partei, die im Berliner Abgeordnetenhaus den Vorschlag einbrachte, doch die 39 Millionen Euro für die Deutsche Oper in Charlottenburg kurzerhand zu streichen und das Geld besser in die freie Kulturszene zu geben. Manche applaudierten, andere lachten über diese schräge Klientelpolitik. Schwarz findet das weniger komisch.

Von Hause aus Dramaturg

Im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Kirsten Harms, der "Intendantin in Weiß", weil sie stets weiße Kleidung trug, bevorzugt Schwarz das Unauffällige, das Understatement. Das mag eine Frage des Selbstverständnisses, der künstlerischen Herkunft sein. Überwiegend werden die Opernhäuser von Regieintendanten geführt, die oft ihre Egomanie nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Intendantenzimmer ausleben. Schwarz ist von Hause Dramaturg. Das sind Denker, auch Querdenker im Hintergrund. 1957 in Biberach an der Riß geboren, studierte er in München und Paris. Als Dramaturg kam er über Freiburg, Bremen, Frankfurt als Operndirektor in Mannheim und Basel an. Unter seiner Leitung wurde das Theater Basel 2009 und 2010 zum Opernhaus des Jahres gewählt. Das war auch sein Ticket für die Deutsche Oper. Schwarz ist Pragmatiker und weitgehend frei von Eitelkeiten. Mit ihm können die Leute einfach reden. Sein Intendantenvertrag läuft zunächst bis 2017.

Und er hat sich einiges vorgenommen. Auf die Frage, wo er die Deutsche Oper hinbringen wolle, sagt er knapp: "Nach vorne." Dass sich hinter der Bemerkung ein Angriff auf die Staatsoper verbirgt, können nur Insider wissen. Seine Amtsvorgängerin Kirsten Harms hatte sich damit abgefunden, dass man die Deutsche Oper hinter der Staatsoper abwertete. "Aber ich will die Deutsche Oper finanziell wieder auf Augenhöhe zur Staatsoper bringen", sagt Schwarz. Was für ein Statement! Die Gründung der gemeinsamen Opernstiftung, unter deren Dach die drei Opernhäuser und das Staatsballett vereint sind, hat seinerzeit Schlimmes wie die Schließung eines Hauses verhindert, aber zugleich wurde die Ungleichbehandlung über die Budgetierung festgezurrt. Stardirigent Daniel Barenboim konnte für seine Staatskapelle zusätzliche Bundesmittel durchsetzen. Und ist damit auch künstlerisch im Vorteil. "Das war Gerhard Schröders Sündenfall", so Schwarz. Die Folge ist eine "Schieflage im Orchesterbereich".

Finanziell auf Augenhöhe

Musiker wissen genau, wo sie mehr verdienen können. Die Differenz kann bis zu 1000 Euro im Monat betragen. Generalmusikdirektor Donald Runnicles hat bereits gute Musiker an besser bezahlende Orchester verloren. Das schmerzt, ist nicht nur künstlerisch gefährlich, sondern auch ein Imageschaden. Es ist eine Pattsituation, keiner möchte, dass der Staatskapelle die Bundesmittel gestrichen werden, andererseits kann und will das Land Berlin nicht fürs Orchester der Deutschen Oper drauflegen. Schwarz weiß, dass sein "Haus unterfinanziert ist, aber noch auf einem Level, das ich vertreten kann." Er sage seinen Künstlern immer, das künstlerische Niveau sei das Wichtigste. Erst damit sei man wirklich verhandlungsfähig.

Die nächsten Verhandlungen werden hart werden. Ende 2014 läuft der zehnjährige Haustarifvertrag der Berliner Opernstiftung aus, die Löhne des nichtkünstlerischen Personals müssen anschließend auf Landesniveau angehoben werden. Rund 5,8 Millionen Euro Mehrausgaben bedeutet das für die Deutsche Oper, sagt Schwarz. Das sei intern nicht mehr einzusparen. Eine Opernneuproduktion koste zwischen 700.000 und 800.000 Euro. Selbst wenn man alle Premieren streichen würde, was absurd wäre, ließe sich das nicht einsparen. Die öffentliche Hand wird sich was einfallen lassen müssen.

Derweil bereitet Schwarz sein Haus aufs große Jubiläum vor. Am 20. Oktober findet das Festkonzert zu "100 Jahre Deutsche Oper Berlin" statt. Runnicles dirigiert selbst. Es gibt eine Uraufführung von Hans Werner Henze, der Chor probt gerade für den zweiten Akt von Beethovens "Fidelio". Den Chor hat Schwarz nach der Sommerpause in Berlin begrüßt, mit Orchester und Technik war er bereits in Spanien. Zu den ersten Amtshandlungen von Schwarz gehörte ein Gastspiel der Deutschen Oper mit Mozarts "Don Giovanni" beim Musikfestival in Peralada. Derweil wird in Berlin die neue Spielstätte, die Tischlerei, ausgebaut und die Obermaschinerie erneuert. Und der Boden des Intendantenzimmers sicher gemacht. Eine neue Ära beginnt. Kommende Woche soll Schwarz endlich in sein neues Amtszimmer einziehen können.

Lesen Sie ab 18. August jeden Sonnabend unsere zehnteilige Serie "100 Jahre Deutsche Oper Berlin"