Dokumentarfilm

So waren die Deutschen wirklich

Ein Dokumentarfilm von Michael Kloft zeigt das Leben im Dritten Reich im Jahr 1937

Schärfste Kritik kann höchstes Lob sein - es kommt nur auf den Kritiker an. Hans-Heinrich Dieckhoff jedenfalls, Hitlers Botschafter in Washington D.C., griff am 2. Februar 1938 zu harschen Worten über den Film "Inside Nazi Germany" aus der Reihe "March of Time", einem populären Anbieter von dokumentarischen Kino-Kurzfilmen: "Zweifellos" sei eine rein hetzerische Wirkung beabsichtigt gewesen.

Bei dem Film handele es sich um "einen neuartigen Versuch der Hetzpropaganda", schrieb Dieckhoff, die mit den "Mitteln einer anscheinenden Objektivität und Sachlichkeit" arbeite. Der Zuschauer werde "systematisch zu dem Schluss gebracht, dass das "anscheinend normale und frohe Leben der Deutschen durch Zwangsmaßnahmen aller Art beeinträchtigt wird, die den wahren Charakter des deutschen Volkes nicht entsprechen".

"Inside Nazi Germany", verantwortet von dem March of Time"-Regisseur Jack Glenn (1904-1981), bestand aus offiziellen NS-Propagandabildern, die mit kritischem Kommentar unterlegt waren, aus nachgestellten Szenen etwa einer Hinrichtung, vor allem aber aus offensichtlich erst kurz zuvor, im Sommer 1937, vor Ort gedrehten Sequenzen. Im Abspann jedoch wies nichts darauf, wer diese Aufnahmen gemacht hatte. Jetzt ist der für seine oft innovativen Darstellungsideen preisgekrönte Zeitgeschichtsjournalist Michael Kloft von Spiegel-TV den Spuren dieses Materials nachgegangen. Die knapp einstündige Dokumentation "Innenansichten - Deutschland 1937" ist ein faszinierender Film, gerade weil er leise statt laut ist, differenziert statt grobschlächtig.

Die eigentlich spannenden Aufnahmen für "Inside Nazi Germany" hatte der US-Dokumentarfilmer Julien H. Bryan gedreht, am besten bekannt für seinen Oscar-nominierten Dokumentarfilm über die Belagerung Warschaus durch die Wehrmacht 1939. Große Teile seines Materials aus Deutschland verkaufte er, wie von anderen seiner Reisen durch Europa in den Dreißigerjahren ebenfalls, an "March of Time" oder aktuelle Wochenschauen. Doch er hielt auch bislang vergessene Vorträge in den USA mit seinem Material.

Zwar war die Genehmigung des Propagandaministeriums für den US-Bürger, in Deutschland zu drehen, verbunden mit der Hoffnung, er werde ein positives Bild des Lebens im Nationalsozialismus zeichnen. Doch Bryan, der dieses Kalkül natürlich durchschaute, suchte hinter der Kulisse von Aufschwung und Begeisterung das wahre Gesicht des Dritten Reiches. In einem seiner Filmvorträge, an der Columbia University in New York, etwa berichtete er: "Auf den ersten Blick sind die Deutschen normale Menschen." Doch gleich bei seinem ersten Termin traf er in Köln auf Veteranen des Ersten Weltkrieges, die mit einem "Kraft durch Freude"-Schiff zur gesponserten Freizeit aufbrachen. Gut möglich, dass Bryan ganz bewusst in die Nähe dieser Gruppe gelotst wurde. Doch seine Bilder zeigen das auf Amerikaner schon seinerzeit und längst auch auf die meisten Deutschen abstoßend wirkende Unterordnen der Menschen in ein vorgegebenes Muster.

Nach demselben Prinzip funktionierenden andere, von Bryan intelligent gefilmte und von Kloft sensibel für den heutigen Betrachter kommentierte Aufnahmen. Etwa die Bilder von der "Reichsausstellung Schaffendes Volk" im eigens dafür angelegten Düsseldorfer Nordpark. Hier bricht der Reporter die zur Schau gestellte Begeisterung für die Erfindungsgabe der deutschen Industrie mit scheinbar versehentlich gedrehten Bildern eines ebenfalls ausgestellten modernen Bombenflugzeuges. Eine zusätzliche Dimension bekommt Klofts Film durch Zitate aus den Berichten ausländischer Reisender - von Samuel Beckett bis zu John F. Kennedy.

"Innenansichten" Arte, heute, 21.45 Uhr