Bühne

Die Zeit des Darbens ist vorbei

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Stefan Kirschner

Die Theatersaison geht endlich wieder los: Acht Gründe, warum die Besucher sich auf die neue Spielzeit in Berlin freuen können

Die Sommerpause im Theater kann man gar nicht hoch genug loben: Die Bühnen nutzen sie, damit sich die Schauspieler und die Technik erholen können. Und das Publikum blickt nach der theaterlosen Zeit erwartungsfroh auf die neue Saison. Man ertappt sich ja schon selbst dabei, wie man während eines Bornholm-Urlaubs Plakate studiert, auf denen eine Märchenvorstellung auf Dänisch ankündigt wird. So groß die Sehnsucht nach Bühnenluft. Aber die Zeit des Darbens ist jetzt vorbei. Die fünf Staatsbühnen starten premierenstrotzend in die Saison. Acht Gründe, warum man sich auf die neue Spielzeit freuen darf.

1. Provokation

Konkurrenz belebt das Geschäft - und die wird verlässlich von Claus Peymann befördert. Der verabschiedete sich mit einem provokativen Seitenhieb auf die Kollegen in den Urlaub. Sein Berliner Ensemble leiste sich die kürzeste Sommerpause, ist also das fleißigste und kundenfreundlichste Haus. Zweifel sind erlaubt. Schaubühne und Maxim Gorki Theater beginnen am 18. August, das Berliner Ensemble folgt am 24., knapp vor dem Deutschen Theater, aber lange vor der Volksbühne.

2. Schwere Stoffe

Dafür beginnt das Deutsche Theater am Monatsende gleich mit einem Premieren-Doppelschlag: Zur Saisoneröffnung inszeniert Stephan Kimmig "Ödipus Stadt". In der Ankündigung liest sich das so: "Die Geschichte vom Geschlecht der Labdakiden ist einer der zentralen Mythen der griechischen Antike und damit der Erfindung des Theaters. Die großen drei der antiken Dramatik - Sophokles, Aischylos und Euripides - haben sich daran abgearbeitet, insbesondere mit ihren Stücken ,König Ödipus', 'Sieben gegen Theben', ,Die Phönizierinnen' und ,Antigone'." Puh, klingt wie das Einläuten des Herbstes auf der Theaterbühne. Aber Kimmig hat schon oft bewiesen, dass er Schweres leicht inszenieren kann. Zwei Tage später bringt Regisseur Tilmann Köhler "Verbrennungen" heraus. Das Stück des im Libanon geborenen Autors Wajdi Mouawad beschäftigt sich mit der Gewaltspirale im Nahen Osten.

3. Das Stück der Saison

Theaterferne Menschen haben wenig Verständnis für Dopplungen in den Spielplänen. Für das Publikum aber gibt es kaum einen reizvolleren Stückvergleich: Dasselbe Drama in zwei oder sogar drei unterschiedlichen Regiehandschriften, mit anderen Schauspielern, in einem anderen Raum. Glücklicherweise gibt es das auch wieder in dieser Spielzeit, möglicherweise ein Resultat von Dramaturgentreffen. "Ein Volksfeind" ist das Stück der Saison. Thomas Ostermeier hat seinen Ibsen bereits beim Festival in Avignon vorgestellt, die Inszenierung hat am 8. September Premiere. Mit dabei ist Ingo Hülsmann, der vom Deutschen Theater an die Schaubühne gewechselt ist. Jorinde Dröse widmet sich diesem Werk, das man durchaus als frühes Öko-Stück lesen kann, am 28. September am Maxim Gorki Theater. Am 12. Oktober ist das Tripel dann perfekt: Markus Dietz inszeniert "Ein Volksfeind" in Potsdam.

4. Krisenbewältigung

Neben Ibsen erfreut sich auch Horvath großer Beliebtheit, seine Stücke passen bestens in Krisenzeiten. Nachdem Regisseur Enrico Lübbe noch im Juni "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Berliner Ensemble inszeniert hat, stellt Michael Thalheimer seine Lesart dieses Dramas im Frühjahr vor. Nach seinem etwas verunglückten Ausflug an die Schaubühne wieder am Deutschen Theater.

5. Geheimnisse

Die Volksbühne hat so etwas wie das Comeback des Jahres hingelegt: Drei Einladungen zum Theatertreffen, nur Hausherr Frank Castorf ging leer aus. Aber der Langzeit-Intendant (seit 1992) hat sein Theater wieder breiter aufgestellt. Die Regie-Kollegen René Pollesch, der mit seiner Version von Molieres "Don Juan" am 15. September die Volksbühnen-Saison eröffnet, Herbert Fritsch und Christoph Marthaler sorgen für unterhaltsame, mitunter herausragende Theaterabende. Marthalers Inszenierung von Horvaths "Glaube, Liebe, Hoffnung" kommt am 27. September in Berlin heraus. Ansonsten hüllt sich die Volksbühne traditionell in Schweigen, was die Pläne für die neue Spielzeit angeht.

6. Alte Meister

Klassiker gibt es auch in dieser Saison etliche, selbst da, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte. Das Maxim Gorki Theater startet mit Schillers "Die Räuber" (Premiere am 30. August) und bringt auch Shakespeares "Macbeth" und Brechts "Leben des Galilei" heraus. Katharina Thalbach kehrt ans Berliner Ensemble zurück, im November inszeniert sie Shakespeares "Was ihr wollt". Den Briten gibt es auch an der Schaubühne, Lars Eidinger bringt im März mit "Romeo und Julia" die ultimative Liebesgeschichte auf die Bühne. Am selben Ort setzt der lettische Regisseur Alvis Hermanis im Dezember seine Erkundungen des russischen Kosmos mit "Sommergäste" von Maxim Gorki fort.

7. Junge Wilde

Fürs Publikum sind oft die Klassiker das Salz in der Theatersuppe, für die Bühnen und besonders das von Ulrich Khuon geleitete Deutsche Theater (DT) sind es die Uraufführungen. "Ihre Version des Spiels", das neue Stück der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza, kommt ebenso im Oktober am DT heraus wie "Am schwarzen See" von Dea Loher. Im neuen Jahr folgt "Das Himbeerreich", ein Bankenstück von Andres Veiel. Und die Dramatisierung des Erfolgsromans "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge, der die Theaterfassung selbst erstellt.

8. Berlin als Thema

Mit seinem Stück über die berüchtigte Berliner "Gladow-Bande" (Jan Bosse inszeniert die Uraufführung im März) verabschiedet sich Armin Petras. Der Intendant des Maxim Gorki Theaters wechselt zum Ende der Saison nach Stuttgart - und mit ihm ein Großteil des Ensembles. Deshalb: Häufiger ins Gorki gehen, denn die Protagonisten sind bald weit weg.