Interview mit Katharina Wagner

"Wir spielen nicht mit Hakenkreuzen"

Katharina Wagner über die Kraft der Symbole in Bayreuth und den Berliner Künstler Jonathan Meese als "Parsifal"-Regisseur

Bassbariton Evgeny Nikitin wurde vom Grünen Hügel geschasst, weil er einst ein Hakenkreuz-Tattoo getragen haben soll. Gleichzeitig wurde vermeldet, dass Jonathan Meese für den "Parsifal" von 2016 die Regie übernehmen soll. Einer, der auch gerne mit derartigen Symbolen spielt. Das wirft die Frage auf, wer in Bayreuth ungestraft Hakenkreuze zeigen darf und wer nicht. Manuel Brug hat dazu die Festspiel-Kointendantin Katharina Wagner befragt.

Berliner Morgenpost:

Darf man mit Hakenkreuzen spielen?

Katharina Wagner:

Nein, und Jonathan Meese spielt meines Erachtens nicht unüberlegt mit solchen Zeichen und Symbolen. Er setzt sie ironisch, auch zynisch ein, um eine Haltung, um unsere Geschichte kritisch anzuprangern. Wie Meese nun als Regisseur und Ausstatter auf den "Parsifal" reagiert, das interessiert uns.

Haben Sie deshalb Jonathan Meese die "Parsifal"-Regie 2016 anvertraut?

Ja, und weil er einer der größten deutschen Künstler ist.

Reicht das als Qualifikation?

Natürlich nicht. Aber Meese hat in seinen Werken immer wieder gezeigt, dass Symbole für ihn eine zentrale Bedeutung haben. Er arbeitet damit, verändert sie. Und darum geht es doch in "Parsifal". Der Gral, der Speer, die Wunde, das sind ganz starke Symbole, für die man heute ein eine Deutung finden muss. Das erwarten meine Schwester Eva und ich uns von Meese.

Meese ist auch jemand, bei dem Hakenkreuze eine nicht unwichtige Symbolrolle spielen, der in Adidasjacke zum deutschen Gruß antritt und sich als GröFaZ der Kunst inszeniert. Stört Sie das nicht?

Jetzt warten Sie doch erst einmal ab, was für ein Konzept Jonathan Meese präsentieren wird. Er hat schließlich bis zu Bauprobe noch zwei und bis zur Premiere vier Jahre Zeit. Ich denke nicht, dass er nur sein bekanntes Repertoire abrufen wird.

Gibt es einen Passus im Vertrag, dass Meese von Hakenkreuzen absehen möge?

Natürlich nicht, es gibt auch noch keinen Vertrag, sondern eine feste mündliche Zusicherung, die wir mit Einverständnis des Künstlers veröffentlicht haben.

Als Sie das Engagement von Meese verkündeten, kochte die Affäre um Evgeny Nikitin noch hoch. Schlechtes Timing?

Kann man so sagen. Aber ich finde, das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Ich halte Herrn Nikitin nach wie vor für einen großartigen Sänger. Er hat sich im "Spiegel" erklärt. Seine Entscheidung, in Bayreuth nicht aufzutreten, halte ich vor dem Hintergrund der Festspielgeschichte für angemessen.

Auf anderen Bühnen kann er auftreten?

Ich mische mich nicht in die Belange meiner Intendantenkollegen ein. Das müssen die selbst entscheiden.

Als ironische Brechung von Jonathan Meese gehen Hakenkreuze also in Bayreuth?

Jemandem, der etwas auf seiner Haut trägt, dem ist leichter eine Gesinnung zu unterstellen, als dem, der das in einem Kunstkontext zum Diskurs stellt. Das sind doch zwei völlig konträre Themenkomplexe. Natürlich muss die Bayreuther Bühne ein Ort sein, wo man sich mit der Vergangenheit auch dieser Festspiele auseinandersetzt, die leider jahrelang eine braune war. Das mag schmerzen, muss aber sein.

Sie waren ja die erste, die hier in Ihrer "Meistersinger"-Inszenierung 2005 diese Vergangenheit thematisiert hat. Aber Sie haben keine eindeutigen Symbole gezeigt...

Ich wollte mich bewusst mit Assoziationen begnügen, das schien mir stärker.

Finden Sie es nicht komisch, dass die Bayreuther Festspiele immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden?

Nein, ich finde es richtig. Und ich betreibe es offensiv.

Und wie ist der aktuelle Stand bei dem ominösen Münchner Stahlschrank bei Cousine Amélie Hohmann, wo der nun seit Jahrzehnten ihr persönlich zur Aufbewahrung übergebene Winifred-Nachlass liegen soll?

Der Wolfgang- wie auch der Wieland- sowie der Friedelind-Stamm der Wagner-Familie ist sich da vollkommen einig, dass der endlich geöffnet werden muss. Wir haben ein Recht darauf, das einzusehen, das ist ja schließlich auch Teil unseres Erbes.

Und was wird drin sein?

Es weiß keiner, obwohl wir seit Jahren Einsicht verlangen, was immer wieder geschickt umgangen wird. Ich weiß nur vom Hörensagen, dass es neun Archivkisten sein sollen. Da können nicht nur Wäscherechungen drin sein. Meine Geduld geht zu Ende, auch macht die Öffentlichkeit zu Recht Druck. Es muss endlich die Zeit kommen, dass keiner mehr sagen kann, die Wagner-Familie hätten etwas zu verbergen. Das hat sowieso alles schon viel zu lange gedauert.