New York University

Von Venedig nach Friedrichshain

Nach 37 Jahren am Lido zeigt die New York University ihre Kunst jetzt in Berlin

David Darts bringt es doch tatsächlich fertig, diese Stadt so zu beschreiben: "Berlin ist der Ground Zero der kontemporären Kunst." Man kann von Grund auf neu anfangen hier, meint er wohl, und dann sagt er noch: "Berlin ist ein kulturelles Mekka". Kommt irgendwie gut, bei der ersten Begegnung Ground Zero und Mekka zusammen zu bringen. Aber Darts darf das. Er ist Dozent an der New York University, Lehrstuhlinhaber des "Department of Art and Art Professions", ein Künstler also. Außerdem spricht er sehr leise, deswegen wirkt das auch so richtig gut, was er da so sagt. Die New York University unterhält seit 38 Jahren dieses "Studio Art"-Programm, bei dem Studenten im Ausland lernen und arbeiten können. 37 Jahre davon in Venedig, weil einer der Dozenten sowieso die Sommer dort verbrachte. Jetzt beschloss die Universität, nach Berlin zu gehen. Mit 14 Studenten, die hier bis zum 10. August werkeln und ihre Arbeiten zeigen. Dann kommt wieder so ein leiser Darts-Satz: "Berlin ist wie das New York der 70er Jahre". Ach, und es sei ja auch sehr günstig hier. Darts schafft es, alle positiven Vorurteile, die es über Berlin überhaupt gibt, in zwei Minuten abzuarbeiten.

Die Studenten kümmern sich derweil um das, was wichtig ist, ihre Kunst. Auf zwei Etagen in einem Hinterhof-Komplex neben der Jannowitzbrücke sind sie dabei, Superhelden zu dekonstruieren, wie die junge Nicole Garvin, dem schwarzen Mädchen, das in New York auch heimlich Graffitis sprüht. Oder sie beschäftigen sich mit der Rolle von Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts im Orient, wie Yasmine Nachabe. Glaubt man den Bildern, die sie aus Originalzeitschriften von damals herausgesucht hat, war das eine schöne Zeit. Frauen mit bunten Tüchern und rosigen Wangen rauchen auf den Bildern Zigaretten, deren Rauch so anmutig durch das Gesicht schleiert. Yasmine beißt in einen Apfel, die amerikanische Alternative zu Zigaretten, und arbeitet weiter an ihren Collagen.

Überhaupt geht es so total gesund zu. Es steht stilles Leitungswasser herum, wenn man die Studenten fragt, wie sie ihre Zeit abends verbringen, kommt so eine Antwort wie "ein Glas Rotwein" und am nächsten Tag stehen sie wieder in der Frühe in den Ateliers. Heutzutage heißt Kunst wohl Disziplin und Fleiß.

Dabei kommen aber auch erstaunlich verspielte, grandios morbide Kleinode heraus. Eine kleine Frau, sehr dünn, formt aus einer Masse Zähne, die sie mit goldener Farbe bemalt. Annie Kyle ist so ein Mädchen aus einem Wes-Anderson-Film, versponnen, mit Piepsstimme und einer Aura, die es gar nicht wegzudiskutieren gibt. Kurzum, man muss sich einfach in sie verlieben. Dazu hat sie die vielleicht beste Visitenkarte der Welt. Da steht einfach "Annie Kyle - artist", darunter sitzt ein Vögelchen auf einem Totenkopf. Sie ruft: "Gold, Glanz, Weiblichkeit!" In Wahrheit meint sie etwas ganz anderes, aber sie will den Betrachter auf eine falsche Fährte führen. Ihre Installationen sind viktorianischer Überfluss als Protz-Satire. Sie baut ein Spiegelkabinett, in dem nur dunkle Fratzengestalten zu erkennen sind. Endlich weiß man, wie Dorian Greys Antlitz ausgesehen haben muss. Es war düster und blickte natürlich nur in galvanisierte Spiegelrahmen. Sein Erschaffer war aber nicht Oscar Wilde, sondern diese zarte Persönlichkeit aus New York.

Autocenter, Eldenaer Str. 34 a (Eingang: James-Hobrecht-Str.), Friedrichshain. Tägl. 16-18 Uhr, bis 10. August.