Schlossparktheater

Ein Glücksfall: Ilja Richter spielt Theo Lingen

"Komiker aus Versehen" im Schlossparktheater

Ist schon komisch: Der Theodor, der Theodor, der hatte was ganz andres vor. Zeichner wollte der werden. Dass Franz Theodor Schmitz stattdessen unter dem Namen Theo Lingen zu einem der bekanntesten Komiker der UFA avancierte, war quasi eine Bauchentscheidung. Die allerdings zunächst weniger etwas mit großer Leidenschaft für magische Bühnenmomente zu tun hatte als mit der in Aussicht stehenden Butter und der Blutwurst. Einer zur damaligen Weltwirtschaftskrisenzeit durchaus gängigen Naturalienbezahlung für Jungdarsteller. Und noch eine Überraschung muss der junge, schreibblockierte Theaterautor Daniel, der von seinem Direktor beauftragt wurde, eine bunte Lingen-Revue zu Papier zu bringen, verkraften: "Sie sind ja überhaupt nicht lustig", wirft er ungeniert dem Mimen vor, der es sich inzwischen zwecks kollegialer Unterstützung posthum auf des Autors Sofa bequem gemacht hat, um aus seinem Leben zu plaudern. "Das habe ich auch nie behauptet", kontert jener ohne die geringste Mine zu verziehen, was ja dann zufällig doch ziemlich lustig ist.

"Komiker aus Versehen" hat Tilmann von Blomberg seine musikalische Hommage an jenen Mann genannt, der die Kunst der näselnden Distinguiertheit bis zur Perfektion kultivierte. Der die Maske des Komischen trug, solange das Scheinwerferlicht brannte, privat aber still und zurückgezogen lebte. Die Produktion der Schauspielbühnen in Stuttgart läuft jetzt im Schlossparktheater. Lohnend macht den Abend vor allem Ilja Richter. Er hat Theos Tarnung als Komiker sehr gut drauf, eine steife preußisch-gerade Haltung, leicht geschürzte Lippen, die servil ineinandergelegten Hände, kombiniert mit dezent dosierten schmatzend-näselnden Zwischengeräuschen. An seiner Seite Gideon Rapp, außerordentlich sangeskräftig und ebenfalls vom Scheitel bis zum schiefen Mundwinkel durch und durch theodorisiert, als junger Lingen. Wie seine Kollegin Katharina Lange übernimmt auch er weitere Rollen.

Es ist dies alles, nicht zuletzt aufgrund der musikalischen Einschübe (am Flügel: Daniel Grosse Boymann), ein höchst unterhaltsamer Abend, der viel weniger wörtherseeselig daher kommt als zu vermuten gewesen wäre. Im Gegenteil, Regisseur Ulf Dietrich akzentuiert sie sogar, die gar nicht immer heitere Kehrseite des komischen Lingen: Den Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach der großen Theaterbühne einerseits und den lukrativen Ufa-Klamotten andererseits. Oder wie er sich in der Nazizeit seine Berühmtheit zunutze macht, um andere zu schützen, die jüdische Schwiegermutter oder seine Frau Marianne, die, bevor sie die Seine wurde, zu Brecht gehörte, den Lingen wiederum einen "Kotzbrocken" nannte, nicht ohne später jedoch sich an sein Theater am Schiffbauerdamm engagieren zu lassen.

Mitnichten also, dafür ist dieser Abend der Beweis, ist Lingen jener "dramaturgische Albtraum", als den ihn der uninspirierte Autor aus der Rahmenhandlung anfangs noch darstellt. Er erweist sich vielmehr als echter theatraler Glücksfall, was erstaunlicherweise erst jetzt entdeckt wurde. Komisch, oder?

Schlossparktheater, Schlossstr. 48, Steglitz. Tel. 789 56 67 100. Termine: 16.-19. und 23.-26. August, 20 Uhr.