Interview mit Klaus Maria Brandauer

"Ich bin bescheiden"

Klaus Maria Brandauer über filmische Abgründe, seine neue Berliner Identität und Bildungslücken

Klaus Maria Brandauer, Jahrgang 1943, gehört zu den wenigen Weltstars unter den deutschsprachigen Theaterschauspielern, einer, der es bis nach Hollywood geschafft hat. Ab heute ist er in Neuhardenberg in mehreren Programmen als szenisch Lesender anzutreffen. Volker Blech traf den Schauspieler ("Mephisto") vorab in seiner neuen Wohnung unweit vom Berliner Ensemble, wo der Österreicher regelmäßig Theater spielt.

Berliner Morgenpost:

Wir sitzen in Ihrer Berliner Wohnung, die noch ziemlich leer ist. Wird das jetzt Ihr Hauptwohnsitz?

Klaus Maria Brandauer:

Aber nein, mein Hauptwohnsitz ist nach wie vor in der Steiermark, da wo ich geboren wurde. Aber da ich öfter hier war, den "Wallenstein" und "Ödipus" am Berliner Ensemble gemacht habe und vorher die "Dreigroschenoper" im Admiralspalast, habe ich einen großen Koffer in Berlin. Es waren an die 200 Vorstellungen in den letzten fünf, sechs Jahren. Es ist eine Freude, hier aufzutreten und teilweise auch zu leben.

Wie oft sind Sie in Berlin?

Natürlich zu den Vorstellungen. Und manchmal, wenn ich frei habe, fahre ich mit meiner Frau her. Ich muss nicht unbedingt immer arbeiten.

In Neuhardenberg stellen Sie heute den spanischen Filmemacher Luis Bunuel vor. Was verbindet Sie miteinander?

Er war der erste, schon im Gymnasium, der mir eine Tür aufgestoßen hat, dass man sich mit Dingen beschäftigen muss wie dem Zufall und den unwägbaren Dingen, die im Leben auf einen zukommen. Man muss die Welt erkennen können, aber das ist eben nicht alles. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, ich kann die Geschichte anders zu Ende zu denken.

Sie lesen aus seinen Erinnerungen? Das klingt etwas spröde.

Falsch. Ich halte es für eine Bibel. Eine Anleitung zum Leben. Erklärungen zu ihren Filmen machen auch andere Regisseure, aber das, was er über sein Leben schreibt, das ist aufregend. Ein Kapitel heißt "Ein Atheist von Gottes Gnaden". Eine Verneinung, zugleich mit der Rückversicherung wie bei der Barmer Ersatzkasse. Da steckt so viel Hoffnung drin. Die Überschrift hat mich hingerissen, ich bin selbst in einer barock streng katholischen Gegend aufgewachsen und früh schon mit der Frage konfrontiert gewesen, was ist eigentlich, wenn das gar nicht stimmt, was der Pfarrer erzählt.

Sind Sie ein so großer Zweifler?

An mir ist nichts groß - außer meiner Neugierde. (lacht)

Das klingt ja fast bescheiden.

Ich bin bescheiden. Aber natürlich, wenn jemand ins Theater geht und Dinge tut, damit die Leute zu ihm kommen, dann muss er souverän in seinem Selbstanspruch sein. Und man geht nicht in die Öffentlichkeit, um unauffällig zu sein.

Wie viel Spaß haben Sie an Bunuels surrealen Abgründen?

Abgründe? Die bestehen doch nur darin, dass er sich alles vorstellen kann. Er träumt nicht nur, sondern er sitzt beispielsweise in einer Bar und trinkt einen Martini und dann kommt jemand auf ihn zu, der gar nicht existiert. Manchmal kommt er selber auf sich zu. Das passiert uns doch auch manchmal, gefühlt jedenfalls. Er konnte es sehen und in laufende Bilder umsetzen. Seine Filme zeigen atmosphärische Zusammenhänge.

In der Lesung spielt Arno Waschk am Klavier auch Werke von Richard Wagner.

Die meisten Filmmusiken bei Bunuel sind Wagner-Werke.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Wagner?

Ich habe mir vor Jahren gewünscht, den "Lohengrin" zu inszenieren und das auch am Kölner Opernhaus gemacht. Ich war eigentlich kein besonderer Verehrer. Erst vor zehn, 15 Jahren habe ich ihn gezielter gehört und ich glaube, dass er, bevor die Worte gesungen werden, bereits die Atmosphäre entstehen lassen kann. Es kann einen angenehm oder unangenehm berühren. Es ist fantastisch. Ich finde es sowieso schön, wenn Orchester mir etwas erzählen. Beim Vorspiel zum "Lohengrin" etwa wissen die Leute noch gar nicht, ob es schon der erste Ton ist oder nur das Geräusch der Lüftungsanlage. Genau genommen ist es die Erschaffung einer Welt. In dieser Opernwelt spielen sich dann die dramatischen Vorgänge ab.

Sind Sie Wagner verfallen?

Nein. Im Gegensatz zu Bunuel bin ich in einer Umgebung aufgewachsen, die der erklärbaren Realität zugewandt war, politisch erklärt, ich bin links im Fensterkreuz aufgewachsen. Da war Wagner nicht angesagt. Mir war der Zugang schon verstellt. Aber heute muss ich sagen, was das Operngeschehen angeht, halte ich Wagner und Verdi von genialen Ausmaßen.

Sie haben große Filme gedreht, Theater an den besten Häusern gemacht, musikalisch-literarische Programme und anderes. Was würden Sie heute nicht mehr tun?

Ich habe schon immer viele Dinge nicht getan. Ich werfe niemandem vor, dass einer, der sich und seine Kinder durchbringen muss, Kompromisse machen muss. Ich habe mich manchmal gefragt, warum ich so eine Glückssträhne habe. Ich habe mir herausgenommen, nur das zu tun, was ich will. Ich muss dahinter stehen. Denn egal, welche Rolle ich spiele, es bleibt immer mein Gesicht.

Wie leben und arbeiten Sie eigentlich?

Ich lebe nach wie vor in Alt-Aussee, wo ich geboren wurde und wo ich mein Haus habe. Wir hatten gerade eine herrliche Zeit in Familie dort. Alt-Aussee ist das Ende der Welt, oder besser: Am Ende des Sees kommen die hohen Steinwände. Es ist eine Einbahnstraße. Dort gibt es 2000 Einwohner, die ich auch alle kenne und sie mich. Ich bin in ein Leben eingebunden, das ich von kleinauf kenne. Und manchmal sage ich: Jetzt haue ich wieder ab aus diesem Kaff. Dann ist der Sonnenaufgang in New York einfach schöner. Dazwischen bewege ich mich. Dazwischen liegen auch die Theater.

Ein ordentlicher Professor am Wiener Max-Reinhardt-Seminar sind Sie außerdem noch. Das hat etwas Väterliches?

Es gibt mittlerweile um die 30 jungen Menschen, die bevölkern die ersten Theater Deutschlands, spielen von Romeo bis Lady Macbeth die großen Partien - und sie sind meine Schüler. Die mir Briefe schreiben, in denen dann etwa steht, hier am Theater geht es ganz anders zu, als sie es uns gesagt haben. (lacht)

Was hat sich heute gegenüber Ihrer Ausbildungszeit verändert?

In meiner Zeit war die Schulbildung fordernder, ich konnte mindestens 200 Gedichte auswendig. Schon zu Zeiten meines Sohnes war es verpönt, auch nur Schillers "Glocke" auswendig lernen zu müssen. Das Wort Psychoterror fiel. Heute kommen junge Leute zur Aufnahmeprüfung, die nicht einmal ein Gedicht aufsagen können. Die können Laptop, aber nicht mehr Literatur. Es ist schon so, dass wir heute viele junge Leute aus den Familien und den Schulen entlassen, die nicht mehr das Rüstzeug haben, um am künstlerisch-intellektuellen Leben teilzuhaben.

Eine Bildungsmisere - was ist zu tun?

Immer wieder Rabatz machen.

Neuhardenberg Termine: 9./10., 16.-18., 23./24.8. August. Tel. 033476-60 07 50.