Literatur

Unser erstes Mal mit Hermann Hesse

Vor 50 Jahren starb der Literaturnobelpreisträger. Ganz persönliche Erinnerungen an die Lektüre von Büchern, an denen keiner vorbeikam

Er gehört zu den weltweit meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern. Er ist in den USA und in Japan ebenso bekannt wie in seiner Heimat. Und er ist einer von lediglich zehn deutschen Literatur-Nobelpreisträgern. Vor fünfzig Jahren, am 9. August 1962, starb Hermann Hesse. Die Hippie-Bewegung hat ihn für sich wieder entdeckt, die Band Steppenwolf benannte sich nach seinem Roman, ganze Generationen sind mit seinen Büchern aufgewachsen, viele Schüler aber haben auch unter ihm als Schullesestoff und Examensarbeit gelitten. Redakteure der Berliner Morgenpost erinnern sich an ihre Leseerfahrungen, ihre erste Gänsehaut, kurz ihr erstes Mal mit Hesse.

Sie stehen immer noch da

Es gibt Bücher, die braucht man, damit man nicht so allein ist. Die halten einen am Leben, wenn man's gerade besonders nötig hat. Wenn man einigermaßen begabt ist und einigermaßen seltsam und unverstanden in der Pubertät steckt, wohlstandsverwahrlost in der Lateinschule und im katholischen Internat. Dann liest man - wie ich -, während im Körper seltsame Dinge vor sich gehen "Peter Camenzind" und "Unterm Rad" und "Narziss und Goldmund". Und wird von einem Fieber gepackt, das einem - im Zusammenspiel mit allen anderen Fiebern, die einen so heimsuchen in dem Alter - das Hirn umdreht und das Herz. Irreparabel meistens. Es macht einen weich und widerständisch, das Fieber, allergisch gegen Vereine und Doktrinen jeder Art, empfänglich für den Kitsch. Und nach Jahrzehnten stehen sie noch da, die Bücher. Ein bisschen fürchtet man sich vor ihnen, weil man sie fürchterlich finden könnte, weil man fürchtet, einem besseren Teil seiner selbst zu begegnen. Und wenn die Tochter (einigermaßen begabt etc.) dann kommt und was lesen will, sagt man: "Das da." Und bekommt ein bisschen Angst. Elmar Krekeler

Mord in der Sommernacht

Sein Mörder hieß Zoltan. Er war 17, wie ich. Und seine Tat traf mich unvorbereitet. Er kam in einer Sommernacht, damals, als es noch Ferien gab, eine Zigarette in der Hand, eine zahme Ratte im Pullover. Und er blickte mich freundlich an wie immer, als er sagte: "Hesse? Kann ich nicht mehr lesen. Nur spätpubertäres, sentimentales Gequatsche. Ich les nur noch Sartre." Da brach etwas in mir entzwei.

Zoltan war mein Freund gewesen. Unsere gemeinsame Schulfreundin meine erste Freundin. Und Hermann Hesses "Steppenwolf" war mein erstes echtes, erwachsenes, großes Buch. Mein Eintritt ins magische Theater, mein erster echter Tanz mit den großen Geistern der Literatur. Erste Liebe. Und er, Zoltan, war dabei gewesen. Wir hatten darüber gesprochen, nächtelang. Was ein Selbstmörder sei. Und was ein Spießer. Und was in uns sei: Der Kopf, der Geist; mehr väterliches, oder mütterliches; und welcher Weg wohl an unser Ziel führe; und was das Ziel wohl sei. Und nachts rätselte ich allein, wie es wohl sein würde, dieses Buch, den "Steppenwolf", zu lesen, wenn ich selber so alt sein würde, wie Harry Haller. Und Hermann Hesse, als er es schrieb: erwachsen. In ungefähr drei Jahrzehnten also. Und dann das. "Spätpubertäres Gequatsche". Es war das Ende unserer Freundschaft, irgendwie. Natürlich habe ich danach noch die anderen großen Hesses gelesen. Narziss und Goldmund, Glasperlenspiel. Und natürlich gab es Zeiten, da ich ihre natürliche Süße nicht ertragen konnte. Aber sie sind Freunde geblieben. Und ich habe sie wiedergelesen. Es war großartig. Sartre - habe ich größtenteils vergessen. Was Zoltan jetzt wohl macht? Ob er wohl später verkündet hat, er liest nur noch Derrida? Und jetzt Jonathan Franzen? Dann wäre er ja schon fast wieder bei Hesse. Ich würde Zoltan gerne einmal wiedersehen. Und mit ihm über unseren Weg sprechen. Sentimental, ich weiß. Aber unsere Fragen, Hesses Fragen, sind noch nicht beantwortet. Und sie sind es, die das Leben zum Abenteuer machen. Und ich muss gestehen: Für Literatur, die das kann, bin ich heute echt dankbar. Marius Schneider

Unverzeihliche Jugendsünde

Meine Hesse-Lektüre rechne ich unter die Jugendsünden - die schwereren, diejenigen, die ich mir kaum noch verzeihe. Aber ich habe ihn tatsächlich mal mit Gänsehaut gelesen. Die Prosa nicht, das kann ich immerhin sagen. Davor bewahrte mich ich weiß nicht was, vielleicht ja doch so was wie Ansätze von gutem Geschmack. Jedoch die Gedichte liebte ich, lernte ich auswendig. War nicht zum Beispiel "Julikinder" geradezu für mich geschrieben? Hesse hatte am 2. Juli Geburtstag, ich am 19., und also war ich gemeint, wenn er da verlauten ließ: "Wir Kinder im Juli geboren/Lieben den Duft des weißen Jasmin".

Das mäandert dann eine Weile kitschig-schwülstig vor sich hin, es wird einem immer wärmer dabei. Wenn man zur Zeile gelangte: "Unser Bruder ist der scharlachene Mohn,/Der brennt in flackernden roten Schauern", ist man dem Sonnenstich schon recht nahe. Unerreicht an diesem Gedicht, das Hesse sich selbst zum 27. Geburtstag geschenkt hat, ist allerdings der Schluss. Hier handelt es sich um den ultimativen Hitzschlag: "Wie eine Julinacht will unser Leben/Traumbeladen seinen Reigen vollenden,/Träumen und heißen Erntefesten ergeben/Kränze von Ähren und rotem Mohn in den Händen." Puh! Timan Krause

Wie ein persönliches Mantra

Schuld, wenn man das so sagen kann, hat eigentlich mein alter Herr. Der war Lehrer, las selber gerne - und wollte mich in die große, weite Welt der Literatur einführen. Dass die Jugend nicht so mag wie ihre Väter, gehört zum eisernen Gesetz der Generationen. Je älter ich aber wurde, umso häufiger lag ein zerfledderter Band, hässlich grau war er, wenn ich mich recht erinnere, auf meinem Schreibtisch. "Steppenwolf" stand drauf. Der Herr Papa zitierte indes, immer wenn ihm etwas unheimlich schien, Hesses Gedicht "Stufen". "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." Diese Zeilen wurden wie ein persönliches Mantra. Irgendwann kam der Tag, da konnte ich auch dem "Steppenwolf" nicht mehr ausweichen. Jede Zeile sog ich auf, mir liefen heiß die Schauder über den Rücken, da öffneten sich Horizonte, die mir zuvor fremd waren, Bewusstseinsebenen, die ich nicht kannte. Vielleicht fing ich an, mit Hesse zu lernen, wie es sein würde, das Erwachsenwerden. HH war meine literarische Initiation. Ungelogen, der kaputte Band hat heute einen Ehrenplatz in meinem Regal. Gelesen allerdings habe ich ihn nie mehr. Gabriela Walde

Pflichtstoff für Pubertierende

In einem Antiquariat habe ich vor kurzem eine sehr schöne Werkausgabe erstanden, ganz billig, ganz schön, ein Sonderdruck zu Hesses 75. Geburtstag, ziemlich genau zehn Jahre vor seinem Tod. Und also begann ich, wieder Hesse zu lesen. Wer, wie ich, vom Bodensee herkommt, wo der Mann ein paar Jahre in Gaienhofen weilte, ist ja quasi mit ihm aufgewachsen. Zwangsweise. Unvergessen auch der quälende Schulpflichtstoff von "Unterm Rad". Aber dann hab ich "Narziss und Goldmund" gelesen, mit 16, und dem Pubertierenden ging Herz, Hirn und Seele auf. Wie im Rausch gab es dann auch "Siddharta" und "Das Glasperlenspiel" und noch anderees mehr. Aber ach, 30 Jahre danach liest sich Narziss wie Goldmund plötzlich schwer und schwülstig. Nach 30 Seiten gab's eine lange Kunstpause und nach 60 Seiten schob ich das Buch ins Regal zurück. Dort steht sie nun, die schmucke Ausgabe, sie steht da sehr schön. Aber ob ich je noch mal etwas daraus lesen werde? Jedes Ding hat wohl seine Zeit. Hesse muss man in der Pubertät lesen. Peter Zander