Geschichte

"Ich gehörte zu den Mädchen, die man tot im Bett findet"

Heute vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe. Die Selbstmordtheorie steht auf schwachen Füßen

Heute vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe. Es ist bis heute rätselhaft, was genau sich in ihrem Haus am 12305 Fifth Helena Drive, Brentwood, Los Angeles abspielte. Das Resultat jedenfalls lautete nach einer bemerkenswert schlampig durchgeführten Leichenschau: "wahrscheinlich Selbstmord durch Einnahme einer Überdosis". Unglaubwürdig wirkt diese These zunächst nicht. In ihrer bis 1954 reichenden Autobiografie heißt es: "Ich gehörte zu jener Art Mädchen, die man tot in einem Schlafzimmer findet, mit einer leeren Schachtel Schlaftabletten in der Hand."

Im Alter von nur 36 Jahren, nach drei Ehen, einem halben Dutzend Fehlgeburten und einer Tablettenabhängigkeit schien die Zeit für den radikalen Schluss gekommen. "Ich wollte ich selbst sein und nicht nur ein vibrierender Freak, der den Sexhändlern in der Filmgesellschaft ein Vermögen einbringt."

Aber war die Monroe tatsächlich eine Selbstmordkandidatin? Viele Indizien sprechen dagegen. Drei Monate zuvor beschreibt ein Mann ihren Auftritt im New Yorker Madison Square Garden: "Ihr Kleid bestand nur aus Haut und Perlen - allerdings habe ich von den Perlen nicht sehr viel gesehen." Das war am 19. Mai 1962, bei der 45. Geburtstagsfeier des US-Präsidenten John F. Kennedy, und als der Filmstar mit lasziver Stimme "Happy Birthday, Mr. President" hauchte, wurde vielen der 17.000 Gäste klar, dass hier eine heiße Affäre ihren Ausdruck fand.

Zu jener Zeit arbeitete Marilyn Monroe an dem Film "Something's Got to Give", der ihr ein Comeback verschaffen sollte. Von interessierten Kreisen wurde die Fama verbreitet, sie sei damals nur noch ein mit Drogen vollgepumptes Wrack gewesen, unfähig, den kleinsten Text zu behalten. Regisseur George Cukor hätte sie deshalb am 7. Juli 1962 gefeuert. Diese Legende zerstob 1988, als in Hollywood bis dato unter Verschluss gehaltene Aufnahmen dieses unvollendeten Films gezeigt wurden. Man konnte einen makellosen Körper bewundern und ebenso ihre schauspielerische Leistung. Marilyn Monroe war 1962 auch keineswegs lebensmüde. Fünf Wochen vor ihrem Tod sagte sie dem "Cosmopolitan"-Fotografen George Barris: "Was mich betrifft, ist jetzt die glücklichste Zeit. Es gibt eine Zukunft und ich kann sie kaum erwarten."

Wenn Marilyn nicht Selbstmord beging, dann wurde sie wahrscheinlich ermordet. Das legen zumindest einige befremdliche Details nahe. Als Todesursache stellte man die Einnahme zweier Schlafmittel fest: Pentobarbital und Chloralhydrat. Ersteres fand sich zwar im Blut der Toten, aber nicht im Magen, was eine orale Einnahme ausschließt. Da an der Leiche auch keine Einstichwunden einer Injektion entdeckt wurden, kann das Barbiturat nur über einen Einlauf aufgenommen worden sein. Offensichtlich wurde dieser gewaltsam verabreicht, denn die Leichenschau konstatierte einen "schweren Bluterguss im unteren Lendenbereich", ohne daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. Seltsam auch, dass nirgendwo ein Glas gefunden wurde, aus dem MM die angeblich letale Dosis Chloralhydrat hätte einnehmen können. Mehrere Nachbarn berichteten 1962, die Monroe habe am späten Abend des 4. August Besucher empfangen, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. Doch wer könnte so großes Interesse an ihrem Tod gezeigt haben?

Äffären mit beiden Kennedys

Als John F. Kennedy 1961 der jüngste Präsident der US-Geschichte wurde, war Marilyn Monroe das Sexsymbol Amerikas. Ihr Ruhm begann 1953 mit dem Film "Niagara". Danach bekam sie jedoch fast nur noch Angebote in seichten Komödien als blondes Dummchen. Damit wurde sie berühmt, fühlte sich aber zeitlebens unterfordert. Kennedy hingegen stammte aus einer der reichsten Familien der USA und heiratete 1953 die Schönheit Jacqueline Bouvier, mit der er drei Kinder hatte. Sein Aufstieg ins Präsidentenamt bildete den Höhepunkt einer fulminanten Karriere.

Die in Kinderheimen aufgewachsene Halbwaise Marilyn suchte unbewusst einen Vater-Ersatz. Seit Jahren griff sie zu Aufputsch- und Beruhigungsmitteln, was aber in Hollywood-Kreisen durchaus üblich war. John F. Kennedy pflegte schon vor seiner Präsidentschaft unzählige Sexaffären, denen er auch im Weißen Haus ungeniert weiter nachging.

Nachdem er 1960 den Nominierungsparteitag der Demokratischen Partei gewonnen hatte, lud er eine Schar von Prominenten zur Siegesfeier nach Los Angeles ein, auch die Monroe. Kennedys Schwager, der Schauspieler Peter Lawford, betätigte sich bei solchen Festivitäten gern als Kuppler. Später kamen Gerüchte auf, wonach spät am Abend der künftige Präsident und der Kinostar gemeinsam nackt im Pazifik gebadet hätten.

Lawford stellte seit Oktober 1961 sein Strandhaus in Santa Monica zur Verfügung. Hier trafen JFK und MM sich mehrmals, ebenso Ende März 1962 bei Palm Springs, in einem Haus von Bing Crosby. Dort versprach Marilyn dem Präsidenten, auf seiner Geburtstagsfeier zu singen. Dass dies freilich derart anzüglich erfolgen würde, kalkulierte Kennedy nicht ein.

Ihm begann die Affäre lästig zu fallen. Der Familienrat beschloss, Kennedys Bruder, den amtierenden Justizminister, einzuschalten. Ob das eine gute Wahl war, sei dahingestellt. Freunden war aufgefallen, wie er bei Marilyns Besuchen "um sie herumflatterte wie eine Motte um die Flamme". Ende Juni 1962 reiste Robert nach Brentwood, um mit der Monroe zu sprechen. Sie trafen sich danach noch mehrmals. Das gab neuen Gerüchten Nahrung, die vor allem von Marilyns Haushälterin gestreut wurden. John F. und Robert begannen im Hinblick auf ihre 1963 anstehende Wiederwahl um das Image als brave Ehemänner zu bangen. Angeblich hatte die Monroe gedroht, wenn der Präsident sich nicht scheiden lasse, würde sie ihre Affäre mit ihm öffentlich machen. Sie soll auch sämtliche intime Details in einem mysteriösen "roten Tagebuch" verzeichnet haben soll, das aber bis heute unauffindbar blieb.

Weitgehend gesichert ist, dass Peter Lawford und Robert Kennedy Marilyn noch einen Tag vor ihrem Tod besuchten. Was besprochen wurde, weiß man nicht. Aber es ist kaum zu erklären, weshalb die Schauspielerin sich keine 24 Stunden später das Leben nahm. Ihre nächtlichen Besucher, sehr wahrscheinlich die mit dem FBI verbandelten Mafia-Killer Anthony Spilotro und Frank Schweihs, haben sie wohl unter einem Vorwand aufgesucht. Wehrlos und betäubt durch einen Drink mit Chloralhydrat, könnte ihr die tödliche Dosis Nembutal über einen Einlauf verabreicht worden sein. Alle Beweise für eine Liaison mit dem Präsidenten verschwanden spurlos.

Laut Polizeibericht gingen in der Nacht vom 4. zum 5. August zahlreiche Telefonate von Monroes Apparat ein und aus. Ob sie auch versuchte, das Weiße Haus oder das Justizministerium zu erreichen, ist ungeklärt. Die Selbstmordtheorie steht jedenfalls auf schwachen Füßen.

Morgenpost-Autor Jan von Flocken studierte an der Humboldt-Universität Berlin Geschichte und arbeitete bis 2005 als Zeitungsredakteur. Heute lebt der 58-Jährige als freier Autor und schreibt Bücher wie "Die Lincoln-Verschwörung" oder zuletzt "99 Geschichten zur Geschichte".