Emil Jannings

Frauen, Tennis und Bierdurst

Emil Jannings war Deutschlands erster Weltstar. Von Hollywood geliebt, später von Joseph Goebbels hofiert

Als am 19. Mai 1928 die ersten Oscars vergeben wurden, ließ sich der Gewinner für die beste Hauptrolle nicht sehen. Emil Jannings zog es vor, an Bord eines Ozeandampfers nach Cuxhaven zu fahren. Drei Jahre lang hatte ihm Hollywood zu Füßen gelegen, sechs Kassenschlager hatte er gedreht, die Paramount hatte seinen deutschen Bierdurst aus dem illegalen Spirituosendepot - es herrschte Prohibition - des Studios befriedigt, er hatte Tennis mit den Wimbledon-Siegern Cochet und Wills gespielt, Püffchen und Spielhöllen frequentiert, kurz: das Leben eines Filmstars der Zwanzigerjahre geführt.

Dann kehrte König Emil in seine Stammlande zurück. Es hatte den Anschein, als würde der Stumm- vom Tonfilm abgelöst, den Jannings geringschätzig als "kalten Arsch mit Birnenkompott" titulierte. Aber der Ton schreckte Jannings nicht, hatte er doch zehn Jahre auf Berlins Bühnen Erfolge gefeiert. Und es war noch gar nicht ausgemacht, dass Hollywood die Welthauptstadt des Films werden würde, da hatten Paris und Berlin ein Wörtchen mitzureden. Der König war also guter Dinge, gab eine Pressekonferenz im Hamburger Hotel "Atlantic", kündigte bei Interviews in Berlin an, er wolle gern einen Sowjetfilm drehen, nahm an einer Wohltätigkeitsgala teil und fuhr dann zur Erholung nach Bad Gastein, wo er mit Heinrich Mann dinierte. So wie heute Brad Pitt die internationale Vergleichsgröße ist, gab es damals den "amerikanischen Jannings" (Paul Muni) oder den französischen oder polnischen.

Heute kennt man Emil Jannings allenfalls wegen der (von ihm selbst ungeliebten) Rolle des lächerlichen Professors an der Seite von Marlene Dietrich im "Blauen Engel". Es hat bis sechzig Jahre nach seinem Tod gedauert, bevor nun mit "Jannings - Der erste deutsche Weltstar" eine Biografie über ihn erscheint. Für den Autor Frank Noack, einen Berliner Filmjournalisten, galt es also nicht nur, ein Ruhmesleben dem Vergessen zu entreißen, sondern auch zu erklären, wie es überhaupt in Vergessenheit geraten konnte. Die Quellenlage ist hervorragend, Jannings wichtige deutschen Stummfilme haben überlebt, auch sämtliche tönende; nur von dem halben Dutzend Hollywood-Filmen sind fünf verschollen, die Paramount war kriminell nachlässig in der Bewahrung des Filmerbes. Jannings war kein Liebhaber wie Valentino und kein Actionheld wie Fairbanks und kein Komiker wie Chaplin. Er wirkte derb und massig, wie ein Metzger, die Kritiker fanden für ihn Adjektive wie "ungeschlacht", "bullig" oder "wie aus Speck modelliert".

Vielleicht war es kein Zufall, dass sein Stern in der Hungerzeit nach dem Ersten Weltkrieg aufging, denn seine Massigkeit strahlte Kraft und Optimismus aus. Mit unserem veränderten Schönheitsideal bleibt für solche Körper meist nur das Charakterfach. Als Jannings nach der Rückkehr aus Amerika weltstarsatt seine Karriere fortsetzte, erlag er dem Superstarsyndrom: Jeder neue Film musste seinen Status bestätigen. Jannings zog sich auf sein Landgut am österreichischen Wolfgangsee zurück. Verhängnisvoll, weil er nur indirekt mitbekam, wie die neuen braunen Machthaber ihr Regime auf den Filmbetrieb ausdehnten. Goebbels hofierte seinen einzigen verbliebenen Weltstar, nahm zähneknirschend in Kauf, wie der bauernschlaue Verhandler immer neue Vorteile herausschlug. Für den "Letzten Mann" kassierte er 600.000 Mark Gage, mehr als die Hälfte des gesamten Budgets. Goebbels übertrug Jannings die Leitung der Tobis-Filmgesellschaft, und damit die Entscheidungsgewalt über dessen Rollen und Budgets.

Was Jannings unter den Nazis spielte, wurde damit automatisch "staatspolitisch relevant", vom Vater des Alten Fritz in "Der alte und der junge König" über den Industriemagnaten in "Der Herrscher" bis zu Bismarck. Fast all diese Filme landeten auf der allliierten Verbotsliste, auch wenn sie - wie Frank Noack in seiner faktentrockenen Biografie zeigt - nicht so eindeutige Propaganda waren, wie es die soziologische Filmkritik der Achtundsechziger sehen wollte. Jannings, nach Kriegsende vergeblich um ein Comeback bemüht, wurde ein Halbverfemter in der eigenen Heimat. Er bleibt die wichtigste Figur der deutschen Filmgeschichte, die wiederzuentdecken ist.

Frank Noack: Jannings - Der erste deutsche Weltstar, Collection Rolf Heyne, München, 560 Seiten, 29,90 Euro.