Stephanie Gleißner

Die Heilige im Hinterland

Stephanie Gleißners Debütroman ist eine ziemlich wütende Abrechnung mit der Provinz

Es ist einer dieser Debütromane, dessen Großartigkeit eigentlich nur eines im Wege steht: die Autorin selbst. Stephanie Gleißner, geboren 1983 in Garmisch-Partenkirchen lebt heute in Berlin und hat es 2008 bis ins Finale des 16. Berliner open mike geschafft. Damals trug ihr unfertiger Roman, aus dem sie vorgetragen hat, noch den Arbeitstitel "Hinterland". Heute heißt er "Einen solchen Himmel im Kopf" und ist im Aufbau-Verlag erschienen. Geblieben ist die präzise Boshaftigkeit, mit der sie Menschen beschreibt, die hingebungsvolle Demontage kleinbürgerlicher Normen und ihre schnörkellose, manchmal fast kurzatmige Sprache mit der sie die Geschichte leichtfüßig und dennoch eindringlich erzählt.

Eine Geschichte von zwei jungen Frauen aus der Provinz, deren Freundschaft langsam aber sicher zerrieben wird, zwischen der beklemmenden Spießigkeit der Dorfgemeinschaft, dem zerstörerischen Drang daraus auszubrechen und den Abgründen, die sich zwischen den unterschiedlichen Realitäten auftun. Johanna und Annemut sind die eigenwilligen, aber begabten Außenseiter im Hinterland. Das liegt vor allem an der schönen, klugen Johanna, "die den Kopf ziemlich weit oben trägt" und die eigentlich nur eines möchte: nicht dazu gehören. Unerreichbar ist sie, meistens sogar für ihre beste Freundin Annemut, von der sie doch so heiß verehrt und nachgeahmt wird. "Sie sprach wie unter einem Glassturz, isoliert, nur für sich selbst. Unverhohlen demonstrierte sie Überlegenheit. Die anderen ließen sie in Ruhe. Sie drangsalierten sie nicht. Sie spürten, dass Johanna völlig unabhängig von den Erwartungen der erlesenen Gruppe ihrer Sympathisanten einen Plan hatte, dass ihr Verhalten, ihr Handeln und Reden sich an etwas orientierten, von dem nur sie wusste und alle anderen ausschloss." Pöbelnden Jungs im Schulbus schlägt Johanna mit der flachen Hand ins Gesicht, hilflose Laubfrösche hingegen trägt sie mit unendlicher Geduld über die Straße, den verprügelten Außenseiter der Schule tröstet sie liebevoll an ihrer Brust. Sie ist gefürchtet, verachtet, bewundert.

Warten auf ein Wunder

Obwohl das Thema Bürgerlichkeit und Ausbruch auf den ersten Blick eher klischeegefährdet erscheint, gelingt es Stephanie Gleißner in weiten Strecken ihres Erstlings die allzu erwartbaren Stereotype mit Leben zu füllen. Zu wundervoll gehässig sind die Beschreibungen der "Hinterlandmenschen", zu abseitig die Entwicklungen und Charakterzüge ihrer Protagonisten, als dass man den Roman als literarisches Sammelbecken für Allgemeinplätze abtun könnte. So begeistert sich Johanna statt für Hochglanzmagazine für Heilige und Märtyrer, sammelt ihre Bilder, liest sich nächtelang durch Fachliteratur. Annemut ist sich sicher: "Sie hatte genug Wissen über die Heiligen und ihre Leben angesammelt, sie war jetzt bereit für die Praxis. Sie würde selbst heilig sein." Das also ist Johannas geheimer Plan. Das Faszinierende für die Mädchen ist das Wunder, das normale Menschen zu Heiligen macht. Ein Wunder, dass allen anderen zeigt, mit wem sie es zu tun haben. Ein Wunder, das die Heiligen aus der Masse heraushebt, strahlen lässt und alle anderen klein und demütig macht. So wünschen sich Johanna und Annemut das auch für sich selbst. Das ist ihr Traum für das Sein im Hinterland. Das verbindet die beiden und macht sie stark im Kampf gegen den Rest der Welt.

Die innige Freundschaft der beiden beginnt in dem Moment zu zerbrechen, als zum ersten Mal Jungs ins Spiel kommen, der Sex, die Begehrlichkeiten. Als der Authentizitätswahn der Mädchen zu hart aufprallt auf die Realität. Die regelmäßigen Ausflüge mit Wodka und Orangensaft in die nächstgelegene Stadt zum Tanzen werden zur Tortur, ihre Vorstellungen über das Leben gleiten auseinander. Sie verlieren den Halt in der Welt, die sie selber geschaffen haben. Auch um sie herum scheint alles zusammenzubrechen, Johannas Mutter beginnt eine Affäre mit dem Staubsauger-Vertreter und ein bisher weitgehend tot geschwiegenes "Hotel" geht in Flammen auf. Die Mädchen sitzen am Straßenrand, während dickbäuchige Männer mit offenen Bademänteln in die eine Richtung rennen und junge Frauen mit zerzausten Haaren und rutschenden BHs in die andere.

Annemut verlässt irgendwann das Hinterland um zu studieren, kämpft aber nach wie vor mit sich, dem Leben, den Menschen und der Verlogenheit, die sie überall sucht und findet. Sie steht kurz vor dem totalen Zusammenbruch, sowohl körperlich als auch psychisch. Trotzdem will sie mit einer kurzen Rückkehr ins Hinterland beweisen, wie sehr sie sich verändert hat, wie stark und mutig sie sich weiter entwickelt hat. Nach Jahren trifft sie noch einmal auf Johanna, die damals im Hinterland geblieben ist. Die frühere Revoluzzerin ist nicht heilig geworden, sondern arbeitet nun als Sachbearbeiterin für die örtliche Krankenkasse. Ihre ehemals beste Freundin, mit der sie einen ganzen Sommer lang ihre ersten großen Träume, Sehnsüchte und Erfahrungen gesammelt hat, behandelt sie wie eine Fremde. Man siezt sich und spricht über die Formalitäten des Auslandskrankenschutzes.

Die Feinheit der Sprache

Die Schwäche des Romans liegt in den Stellen, in denen Stephanie Gleißner ihren literarischen Anspruch verlässt und mit eher persönlichen Abrechnungen die Relevanz und Dynamik ihrer Geschichte zum Stocken bringt. Wenn Annemut sich beispielsweise ausführlich über die Arroganz und Vermessenheit ihres Archäologie-Studiums aufregt und einem die Wut aus jedem Satz entgegen springt: "Ich könnte kotzen. Jetzt fangen sie dort auch schon damit an. Als würde etwas besser oder gar wertvoll, wenn man es nur lange genug aufhebt." Oder, wenn Gleißner die Jungs in der Disko analysiert und Sätze schreibt wie: "Man durfte ihnen nichts zumuten, sie waren keine Abenteurer, schon kleine Vorfälle und Ereignisse zerrütteten sie und deshalb mieden sie Vorfälle und Ereignisse (...)" An Stellen wie diesen scheint Stephanie Gleißner ihre Geschichte kurz zu verlassen, um ihre ganz persönliche Verachtung zu versprühen, die innerhalb der Geschichte willkürlich wirkt, weil sie keine Berechtigung durch ihre Protagonisten findet. Viel stärker, schöner, treffender zielt sie auf die Dorfbewohner mit Sätzen wie: "Jetzt waren sie nicht mehr begabt und auch nicht gefährdet, jetzt waren sie verbeamtet und verstrahlten die begabt-gefährdete Jugend mit wehmütigem Lächeln, das präventiv sämtliche Ikarusflügel einschmolz."

Stephanie Gleißners Debütroman ist eine wütende Abrechnung mit allem, was sich so zur Abrechnung anbietet: Die Provinz, die Jungs, die Mädchen, die Jugend, die Erwachsenen, die Alten, die Lehrer, die Uni, die Dozenten, die Eltern, das Leben selbst. Dass die Schimpferei trotzdem nicht ermüdend wird, liegt an der Klugheit von Stephanie Gleißners Gedanken, an der literarischen Feinheit ihrer Sprache und an der Zerbrechlichkeit ihrer Figuren, die den Leser tief in ihren unheilvollen Bann ziehen.

Stephanie Gleißner Einen solchen Himmel im Kopf. Aufbau Verlag Berlin, 224 Seiten, 16,99 Euro.