Interview

Ein Brett, vier Rollen und zwei Systeme

In seinem Dokumentarfilm lässt Marten Persiel die Skaterszene der DDR wiederaufleben

Eigentlich mag er nicht gern für Fotos posieren. Schon gar nicht mit Skateboard. Aber nach ein bisschen Überredungskunst steigt er dann doch aufs Brett. Und ist sofort Feuer und Flamme. Marten Persiel, 1974 in Berlin geboren, hat "This Ain't California" gedreht: eine Doku über die Skaterbewegung in der DDR Ende der Achtziger. Mit sensationellem Bildmaterial: So hat man die DDR noch nie gesehen. Persiel ist selbst leidenschaftlicher Skater. Er kommt aber nicht aus dem Osten, ist in Hannover aufgewachsen ist und hat die letzten 13 Jahre im Ausland gelebt. Sein fremder Blick auf das eigene Land macht den Reiz dieses Filmes aus, der diese Woche endlich ins Kino kommt. Mit dem 37-Jährigen sprach Peter Zander.

Berliner Morgenpost:

Wann war denn für Sie das erste Mal auf dem Skateboard?

Marten Persiel:

Das war 1982, da war ich acht. Das glaubt einem heute ja keiner mehr, dass es im Westen genauso war. Aber mir ging's genau wie den Ostlern, die im Film porträtiert werden: Mein erstes Skateboard war nämlich auch noch kein richtiges, sondern ein auseinandergelegter Rollschuh mit Brett. Erst später hab ich mir, weil es mir so Spaß gemacht hat, ein Kaufhausbrett zugelegt. Von Karstadt.

Und Sie skaten nach wie vor?

Seit über 30 Jahren schaue ich, als alter Herr, immer mal wieder vorbei, ja.

Wie kamen ausgerechnet Sie, als Wessi, darauf, eine Doku über Ost-Skater zu drehen?

Das war ganz irre. Die Ost-Szene kannte ich, wie alle, gar nicht. Meine ursprüngliche Idee war eigentlich ein witziger Kurzfilm über einen Ossi, der für sich das Skaten erfindet, weil er nicht weiß, dass es das schon gibt. Und dann haben wir ein bisschen recherchiert und festgestellt, dass es die Story genau so wirklich gab.

Der Film wirft ein völlig neues Licht auf die DDR. Wo haben sie all dieses Bildmaterial aus den Achtzigern her?

Wir haben erst mal nach Leuten gesucht, die damals Skater waren. Und dann gefragt, ob sie Fotos oder gar Filme haben. Und es war unglaublich, was da rauskam. Die Skaterszene ist genau wie die Breakdance-Szene eine, die sich ständig selbst reflektiert, weil es um andere, eigene Lebensentwürfe geht. Das siehst du ja auch heute noch, wenn du an der Warschauer vorbeifährst: Wenn da drei Skater sind, fahren zwei und einer filmt. Das war auch in den Achtzigern schon so, ohne die ganzen Handykameras, mit Super-8.

Wie viel Material kam dabei zusammen?

Mit allen Interviews, die wir mit den Skatern geführt haben, ungefähr 900 Stunden. Allein vom Archivmaterial gäbe es noch genug Stoff für zwei, drei weitere Filme.

Hat Skaten was Anarchisches? Jenseits von Sport-, von Verhaltensregeln?

Ja, in dem Sinne, wie Spielen ein anarchisches Element ist. Wo man auch lernt, Grenzen auszuloten. Letztlich ist das Skaten ein Kinderspiel, das man mitnehmen kann ins Erwachsenenalter, weil es auch eine athletische Facette hat.

Und war das Skaten damit eine Form der Rebellion in der DDR?

Eigentlich wollten die nur Spaß haben, wie im Westen auch. Aber natürlich, in den Augen der anderen war das Zeitverschwendung und damit auch wieder ein politisches Statement. Erst wurden sie nicht ernst genommen, dann hat man versucht, das zu unterbinden, aber weil die Szene nur noch weiter wuchs, gab es plötzlich offizielle "RollsporrR-Verbände. Und eine DDR-eigene Skateboard-Marke.

Lag der Fokus anfangs mehr auf der DDR, als Gegenbewegung zum Regelsystem?

Nein, es ging mir von Anfang an um die Freundschaft unter den Skatern. Das hat natürlich mit meiner eigenen Biographie zu tun: Ich habe in England, Spanien, Brasilien und auf den Philippinen gelebt, bin immer wieder umgezogen, habe aber immer geskatet und so überall Kumpels gefunden. Das ist ein echt verbindendes Element, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Der Rest ist nur Bühne. Die DDR war eine besondere, eine schwierige Bühne, aber sie haben es sogar geschafft, Kontakt zu Skatern im Westen aufzunehmen und die in den Osten zu kriegen.

War das auch eine Intention, mal einen Film über die DDR ohne die üblichen Pappauto- und Mokkafix-Klischees zu machen?

Absolut. Der DDR-Film, das ist ja fast schon ein eigenes Filmgenre. Aber bloß niemandem auf die Füße treten damit, weil so viele Befindlichkeiten dranhängen. "Sonnenallee" oder "Good Bye, Lenin!" sind schöne Filme, aber da ist alles immer so putzig, so drollig. Als Repräsentation einer Generation finde ich das schwierig. Ich habe schon die Verantwortung gespürt, genau das nicht zu machen. Obwohl ja witzigerweise auch mein erster Ansatz gewesen war: einen witzigen Kurzfilm drehen. Aber dann merkte ich, es wäre mal an der Zeit, einen Film zu drehen, der das Jugendgefühl in der DDR ganz ernsthaft aufgreift.

Über 20 Jahre nach dem Mauerfall - hat das Ost-West-Thema da noch eine Rolle gespielt? War es schwierig als Wessi, das Vertrauen der Ossis zu gewinnen?

Ja, doch. Kurioserweise gibt es immer noch Berührungsängste. Einer der Ost-Skater etwa hatte haufenweise Archivmaterial, das er aber nicht rausgeben wollte. Da haben wir ein Jahr lang rumgebohrt, bis er plötzlich einen ganzen Alukoffer aufgefahren hat, was sich als unser Hauptschatz entpuppte. Auch in Fällen wie diesen half das Skaten. Das hat damals verbunden, und das tut es heute noch.

Sie haben die letzten 13 Jahre nur im Ausland gelebt. Hat der Blick von außen aufs eigene Land dem Film genutzt?

Das half in jeder Hinsicht. Allein wenn ich gewusst hätte, wie viele Filme über die DDR in dieser Zeit gemacht worden sind, hätte ich meinen nie gemacht, das hätte ich mich nicht getraut. Aber auch sonst: Was für ein Zeitsprung! Als ich ging, 1996, haben ja noch Asylantenheime gebrannt. Da ist wahnsinnig viel passiert, was man, wenn man hier gelebt hat, aber gar nicht so bemerkt.

Inwiefern?

Wir Deutschen glauben ja immer, alle anderen seien Exoten. Aber ich darf sagen: Alle anderen denken das gerade von uns. Wir sind diese Leute, deren Sprache keiner versteht, die keinen Humor haben, die nicht tanzen können. Wir sind die komischen Vögel.

Sind Sie mit diesem Film heimgekehrt?

Ich weiß nicht. Als ich mit dem Film in Schwerin auf dem Filmfestival war, wo die Riege der Ostfilmer sich trifft, habe ich doch sehr stark gemerkt, dass ich nicht dazugehöre. Und als nächstes werde ich im Oktober ein Stipendium in Los Angeles dazu nutzen. Ich werde also weiter rastlos in der Welt rumziehen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht wiederkomme. Ich habe in Berlin mein filmemacherisches Zuhause gefunden, das ist jetzt meine Homebase.