Norbert Zähringer

Einer zu viel

Norbert Zähringer vermittelt in "Bis zum Ende der Welt" eine Kiewer Studentin an einen Berliner

Die Schlüssel zum Werk des Norbert Zähringer müssen bei Blohfeld & Co. liegen, "Wach- und Schließdienste - Automatenservice - Hausverwaltung - Hausreinigung". Das Unternehmen ist, wie Zähringer selbst, seit Anfang der Neunzigerjahre in Berlin tätig, nicht zuletzt in dessen Brachen, von denen es trotz heftiger Gentrifizierung, zarter Bevölkerungszunahme und anschwellender Komplexität (die sich in Scheitergeschichten wie der des neuen Großflughafens manifestiert) in Berlin nach wie vor viele gibt. Blohfeld & Co trägt dieser Verkomplizierung insoweit Rechnung, als das Zähringer'sche Branchenbuch - das einzige, das Blohfeld & Co verzeichnet - mittlerweile auch auf "Alarmfahrten" verweist, die Blohfeld unternimmt. Der Alarm ist ja stets nah in Zähringers Geschichten - meist wetterleuchtet die Katastrophe am Horizont. "Bis zum Ende der Welt", Zähringers neuer, vierter Roman, erwähnt Tschernobyl, Fukushima und das Erdbeben von Lissabon: Es ist, nur das ist sicher, kein Halten, und nirgends ist Halt.

Überall sind Blohfeld-Männer

Aber "Bis zum Ende der Welt" erwähnt eben auch Blohfeld & Co., ein Unternehmen, das, wie es aussieht, zudem poetische Gerechtigkeit anbietet. In "So", Zähringers erstem Roman von 2001, bietet es dem wackeren Tresorknacker Willy Bein in höchster Not einen Job an; in "Als ich schlief", Zähringers zweitem Roman von 2006, wacht ein Blohfeld-Wachmann über den Schlaf des komatösen Erzählers; in Zähringers drittem, "Einer von vielen" von 2009, darf ein Blohfeld-Mann sogar selber erzählen: "Wir waren die Hüter der kleinen Dinge. Unsere Auftraggeber mochten glauben, dass wir sie vor Wasserrohrbrüchen bewahrten, in Wirklichkeit wachten wir über ... die Rädchen im Getriebe der Welt." In Zähringers neuem Roman nun ist es ein Blohfeld-Mann (in der üblichen grau-blauen Montur), der der Heldin den entscheidenden Fluchtweg öffnet. Zugleich aber verbindet dieser Blohfeld-Mann eben auch den vierten Zähringer-Roman mit dem dritten, dem zweiten, dem ersten. So halten, so stützen sie sich gegenseitig - dass alles mit allem verbunden ist, glaubt Norbert Zähringer sowieso.

"Bis zum Ende der Welt" nimmt seinen Anfang bei Anna in Kiew (jener Heldin, die einmal die Hilfe des Blohfeld-Wachmanns braucht). Anna ist, eigentlich ständig, auf der Flucht vor ihrem einbeinigen Vater, der den Wodka jagt wie der Kapitän Ahab den Wal. In ihrer Not sucht Anna Zuflucht bei "Transeuro Wedding", einer Partnervermittlung "in einer Seitenstraße des Kreschatik", die schöne Ukrainerinnen an hässliche Deutsche vermittelt; Anna kriegt es mit einem gewissen Gerhard Laska aus Berlin zu tun. Aber - Blohfeld, Zähringer, der poetischen Fürsorge sei Dank - die übliche Geschichte muss nicht erzählt werden: Laska will weder eine osteuropäische Barbie heiraten noch will er Sex - er sucht nach einer Sterbebegleitung; er ist nämlich todkrank. Für 20.000 Euro soll ihn Anna in sein Ferienhaus nach Portugal begleiten, wo Laska, bis das Ende seiner Welt kommt, den Himmel beobachten möchte. Seit seiner Kindheit träumt er davon, einen Kometen zu entdecken - "in der kurzen Zeit, wenn der auf dem Weg zur Sonne an der Erde" vorbeifliegt.

Das alles könnte symbolisch triefen; Sterne sind ohnehin riskant, weil sie in der Literatur vornehmlich vor Abgegriffenheit glänzen. Aber es ist eben Norbert Zähringer, der hier schreibt, ein Mann mit Humor, Spezialist für die Komödie der großen Fragen. Zähringers Themen sind das restlose Vergehen der Zeit, der alles vernichtende Tod, die endgültige metaphysische Unbehaustheit des Menschen und dessen mikroskopische Winzigkeit in Raum und Zeit - und doch zeigt Zähringer ausschließlich Menschen, die all dem mit fast kindlichem Trotz begegnen und irgendwie Trost finden. Das berühmte Chaos infolge eines Schmetterlingsschlags kann bei ihm Gutes bewirken - eine echte, herzerweichende menschliche Begegnung ebenso wie einen slapstickhaften Zusammenstoß, der darum nicht weniger tröstend wirkt.

Anna aus Kiew ist insofern eine typische Zähringer-Heldin - sie ergreift noch die schlechteste Chance, die in diesem Fall Gerhard Laska heißt. Und auch der todkranke Laska ist eine typische Zähringer-Figur - wenn ihm auf Erden schon nicht zu helfen ist, greift er eben nach den Sternen. Dass er das in der Manier eines Buchhalters tut, ist übrigens auch typisch Zähringer. Große Worte sind die Sache seiner kleinen Leute nicht. Noch die Schlüsselsätze kommen gerne mal verdruckst daher oder wie mit der gebutterten Seite nach unten auf den Boden des Romans gefallen. Ohnehin hat nie einer den Überblick - denn jeder ist ja nur einer von vielen. Vielleicht hat man das Entscheidende - wie es bei Zähringer oft vorkommt - auch gerade verschlafen.Yuri Fernao Gouveia etwa, der nach hundert Seiten einigermaßen überraschend auftauchende Ich-Erzähler in "Bis zum Ende der Welt", reist wie ein Gepäckstück von Deutschland zurück nach Portugal, ins Heimatland seiner Eltern: In einem ausrangierten Bulli des Katastrophenschutzes ist er von allerlei Hausrat eingekeilt - ohne jede Aussicht auf das Schicksalsgelände, in das ihn die Zeitläufte treiben. Yuri - einer Laune des Vaters folgend nach dem Kosmonauten Gagarin benannt - ist der Sohn des millionsten Gastarbeiters der Bundesrepublik; freilich ist das Glück des Vaters auf jenes Zündapp Mokick geschrumpft, das man ihm zur Feier der runden Million geschenkt hat.

Zum Zeitpunkt der Haupthandlung aber, Frühjahr 2011, ist das lange her; Yuri schiebt mittlerweile Wache in der "westlichsten Polizeistation Europas", sechs Kilometer entfernt vom Kap Sao Vincente, einem Ort, den die europäische Literatur vor allem als Sterbeort begriffen hat, so als käme nachher nur noch nichts, als läge am anderen Ufer des Atlantiks nicht Amerika. Während das Ende der Welt, das der Roman im Titel führt, für Laska das Sterben bedeutet, ist es für Yuri also nur ein Ort - das Ende der europäischen Welt zwar, aber eben ein Ende mit einem rettenden Ufer gegenüber. "Was, wenn wir nur in der Mitte sind?", fragt Yuri irgendwann seine bigotte Mutter - und könnte damit Raum und Zeit meinen. Denn auch das ist immer so in Zähringer-Romanen: Sie durchschreiten Orte und Epochen, als machte die Unterscheidung zwischen Raum und Zeit metaphysisch keinen Sinn. "Bis zum Ende der Welt" kann ebenso nach Köln-Deutz oder zum Kap Sao Vincente reisen wie ins zerstörte Berlin der Nachkriegszeit oder ins Baikonur der Sowjets, wo Annas nicht unterzukriegender Großvater den Sputnik bewacht. Alles vorbei und doch so gegenwärtig wie das Licht eines lange verloschenen Sterns - was eben die Sorte Licht ist, auf die der Kometenjäger Laska hofft: etwas, das übrig bleibt. Doch noch einmal funktioniert "Bis an ans Ende der Welt" dialektisch: Laskas Hoffnung (nämlich erinnert zu werden) ist Yuris Grauen. "Alles verschwindet", sagt der sich, als er eine Tasse zerbricht, "aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass bis dahin alles eine Geschichte hat. Selbst eine Tasse."

Eine Geschichte vom Sterben

Wann hat das Schicksal einem übel mitgespielt, wann hat der Zufall geholfen? Eine der Zumutungen dieses Romans ist, dass er seine Fäden ausgerechnet am 11. März 2011 zusammmenknüpft, während Japan von einem Erdbeben, einem Tsunami und einer Atomkatastrophe heimgesucht wird - und sich diese grässliche Verkettung von Ereignissen an der japanischen Küste in einer anderen, nicht weniger unvorhersehbaren, aber glücklicheren Verkettung kleinerer Ereignisse in einer portugiesischen Apotheke spiegelt: "Es gibt eine Theorie, nach der wir alle das Ergebnis unwahrscheinlicher Katastrophen sind." So steht es in diesem Roman, der auch um die Grausamkeit des Glücks weiß, das er - wider besseres Wissen, in einer Geschichte vom Sterben - beschwört.

Norbert Zähringer Bis zum Ende der Welt. Rowohlt, Reinbek. 272 Seiten, 19,95 Euro.