Young Euro Classic

Klassisches aus den Townships

Junge Musiker aus Südafrika eröffnen heute das Festival Young Euro Classic. Eine Begegnung zwischen den Proben

Es ist ein bisschen Klassenfahrt: Rund 90 gut gelaunte junge Leute auf einem Boot auf der Spree. Strahlende Sonne, Aufregung, sie staunen, suchen nach dem besten Sitzplatz. Doch die Jugendlichen sind nicht einfach nur auf Klassenfahrt. Sie sind allesamt aus Südafrika und Mitglieder des MIAGI Youth Orchestra - das Jugendorchester eröffnet heute im Konzerthaus das Festival Young Euro Classic. Ihre Musik: Eine Mischung aus Klassik, Jazz und afrikanischer Tradition. Die Jugendlichen: eine wilde Mischung aus 14- bis 27-Jährigen, Schwarzen und Weißen, Reichen und Armen, die aus dem ganzen Land zusammen kommen. Viele von ihnen sind zum ersten Mal in Deutschland, in Europa. Doch einige von ihnen waren schon mal hier, als MIAGI 2009 im ausverkauften Konzerthaus am Gendarmenmarkt spielte. Mit dabei war die 26-jährige Ane du Toit. Sie spielt Violine und trägt heute ein buntes Kleid und Sommersprossen auf der Nase. Sie kommt aus Pretoria, der Hauptstadt der Republik Südafrika. Sie ist aufgewachsen in einer Mittelklasse-Gegend mit musikalischen Eltern, die versucht haben, sie zu fördern.

Zwischen Liebe und Musik

Die Teilnahme am Jugendorchester hat ihr Leben in vielerlei Hinsicht verändert: "Für mich hat sich MIAGI und die Reise nach Berlin nicht nur musikalisch gelohnt", sagt sie und drückt verschmitzt die Hand eines jungen Mannes. Er spielt Horn im Orchester und die Beiden haben sich 2009 in Berlin ineinander verliebt. Irgendwann wollen sie heiraten, Kinder bekommen, vielleicht ein paar Jahre in Europa bleiben. Der langfristige Plan ist aber, eines Tages nach Südafrika zurückzukehren und ihre Erfahrungen als Musiklehrer mit ihrer Heimat zu teilen. Ein Traum, der perfekt zur Utopie von MIAGI passt. MIAGI, das steht für "Musik is a great Investment" - Musik ist eine großartige Investition. Die Nonprofit-Organisation zur Förderung von Jazz, klassischer und indigener Musik wurde 2001 von dem in Südafrika geborenen und international aktiven Sänger Robert Brooks und seiner Ehefrau, der finnischen Pianistin Ingrid Hedlund gegründet. "Musik bewegt Menschen, bringt sie in Schwung, schweißt sie zusammen, lässt eine Kraft entstehen, die aus einer gemeinsamer Leidenschaft entsteht", sagt Robert Brooks: "Genau das also, was mein Heimatland braucht." Robert Brooks wirkt ein bisschen wie der Klassenlehrer, wie er da blond und hünenhaft an der Rehling des Spreedampfers "Charlottenburg" lehnt und darauf aufpasst, dass es alle seine Schäfchen wieder sicher aufs Trockene schaffen. Und obwohl die jungen Leute aufgeregt sind und nicht wissen, wohin es weiter geht, folgen sie einer Gruppendynamik, einer Art zwischenmenschlichen Choreografie, die man wohl bei keiner Mittelstufe aus Bottrop oder Kaiserslautern finden würde, die zum ersten Mal durch Berlin poltert. Die jungen Musiker aus Afrika bewegen sich mit Bedacht, leichtfüßig und so, als hätten sie es geübt, mit fast 90 Mann über einen kleinen Zebrastreifen in Mitte zu laufen. Einer von ihnen ist John Minaar. Seine Rastazöpfe hat er zu einem lässigen Zopf gebunden, er gehört eindeutig zu den Coolen in der Gruppe. Mit seinen 27 Jahren zählt er zu den Ältesten. Er kommt aus Kimberley, Hauptstadt der Provinz Nordkap. Den ganzen Weg von der Fähre bis zu einem Restaurant in Mitte springt er zwischen den Kollegen umher. In seiner Heimat hat er spät angefangen, Cello zu spielen, mit 17 Jahren. "Selbst, wenn man unbedingt spielen möchte, fehlt oft das Geld für ein Musikinstrument", erzählt er. Trotzdem käme man in Südafrika an der Musik eigentlich nicht vorbei, sagt Robert Brooks. "Man lebt dort eng zusammen, gerade an den Rändern der Townships. Privatsphäre bedeutet dort etwas anderes als hier. Wenn also einer anfängt, Musik zu machen, zieht er alle anderen irgendwie mit." Im klassischen Jugendorchester von MIAGI zieht auch einer den anderen mit. Ingrid Hedlund, die Mitbegründerin des Orchesters sagt: "Diese jungen Leuten sind im Orchester aufeinander angewiesen, sie müssen diszipliniert spielen, damit es funktioniert. Das überträgt sich auf das soziale Miteinander. Die jungen Leute gehen sensibler miteinander um."

Die Musik aus den Townships

Doch für Ingrid Hedlund liegt die Magie dieses Orchesters nicht in der fachlichen Perfektion, mit der sie ihre Instrumente beherrschen. "Es ist die Mischung aus europäischer Präzision und afrikanischer Leidenschaft, mit der sie ihr Publikum einfangen, von den Sitzen reißen", sagt sie. Auch die Nachwuchstalente Monique van Willingh, John Minaar, Ane du Toit, Charl Clayton und Ilke Alexander sind sich in diesem Punkt einig: Das Publikum in Europa lässt sich so viel mehr begeistern als in Südafrika. "Das überträgt sich natürlich auf uns und wir laufen zu Hochform auf", sagt der 25-jährige Charl Clayton. Er ist aus Capetown und zum allerersten Mal in Europa. "Berlin, das ist mein großer Traum, seit ich 10 Jahre alt bin", sagt er. Er sei schrecklich aufgeregt, das einzig Vertraute für ihn sei seine Oboe. "Aber immerhin", fügt er hinzu und lacht. Dann gibt es endlich Mittagessen, Gulasch und Spätzle.