Bauhaus-Archiv

Die vergessenen Ladys

Das Bauhaus-Archiv widmet sich erstmals den Künstlerinnen, die im Schatten der Ikonen standen

Die Textildesignerin Benita Koch-Otte und ihre Teppiche im Bauhaus-Archiv - wie die Farben leuchten! Man mag sich kaum satt sehen an den Farben und Formen der Webstücke von Benita Koch-Otte (1892-1976). Die Bauhäuslerin ließ sich inspirieren von Paul Klee und Johannes Itten. Bei ihnen ging sie 1920 in die Gestaltungslehre. Bald leitete die begabte Textildesignerin die Bauhaus-Weberei in Weimar, später in Dessau und an der Burg Giebichenstein - getreu der Leitidee von Walter Gropius, Kunst und Technik zu einer neuen Einheit zu verschmelzen.

Aus Stuttgart war Benita Otte nach Weimar gekommen. "Völlig unbelastet, naiv und ohne Fachkenntnisse", wie sie selber sagte, fing die ausgebildete Zeichen-, Turn- und Handarbeitslehrerin 28-jährig an zu experimentieren. In der Sonderschau, die das Bauhaus-Archiv Berlin einer der ersten Textilgestalterinnen Deutschlands widmet, kann man ihre Schritte verfolgen. Dicht an dicht hängen Kontrast- und Farbstudien sowie frühe Entwürfe. Zum Webteppich für ein Kinderzimmer, der auch als Spiel- und Lernvorlage zum Erkennen und Einprägen von Farben gedacht war, lässt sich die schmucke geometrische Vorzeichnung studieren. Ebenso zu vergleichen sind Entwurf und Ergebnis von Wandbehängen und prächtigen Knüpfteppichen. Ein kleiner selbst gebauter Hand-Webstuhl demonstriert, wie Benita Koch-Otte neben Formen auch Materialen ausprobierte.

Ein Teppich, den sie für das Zimmer des Direktors Gropius entwarf, ist nur noch im Entwurf erhalten. Die gezeigten Originale stammen aus Privatbesitz sowie dem Bauhaus-Archiv und der Klassik Stiftung Weimar. In kleinsten Auflagen entstanden diese Arbeiten, Rechteckkompositionen, meist kleinteilig gemustert. Vom grün-roten Wandbehang sind vier Exemplare nachweisbar - so viele wie von keinem anderen aus der Weimarer Bauhaus-Zeit der Künstlerin.

Die vollständige Würdigung sowie die wissenschaftliche Erarbeitung eines Werkverzeichnisses von Koch-Otte stehen noch aus. Aber der Startschuss ist hiermit gegeben. Nach ihrer Heirat mit Heinrich Koch 1929 und nach der Leitung der Weberei der Kunstgewerbeschule der Stadt Halle, Burg Giebichenstein, bis ins Jahr 1933, war sie nach Prag übergesiedelt. Das Intermezzo währte nur kurz, denn ihr Mann verunglückte bei einem Verkehrsunfall tödlich. Trotz schlechter Aussichten kehrte die Textildesignerin nach Deutschland zurück und konnte 1934 als Leiterin der Weberei in Bethel Fuß fassen. Weitere, wenig bekannte Bauhäuslerinnen werden dieser Hommage an Benita Koch Otte folgen.

Die Veranstaltungsreihe "Bauhaus weiblich. Künstlerinnen am Bauhaus" begleitet die Sonderausstellungen, wie sie ab Herbst der Buchillustratorin und Malerin Lou Scheper-Berkenkamp und im Winter der Weberin und Fotografin Gertrud Arndt gewidmet sind. Lauter vergessene Damen, die im Schatten der Bauhaus-Herren Beachtliches leisteten. Eine Entdeckung.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, Mi-Mo 10-17 Uhr. Bis 27. August.