Erwin Strittmatter

"Glücklicher wird keiner, wenn wir siegen"

Schriftsteller Erwin Strittmatter gehörte einem SS-Gebirgsjäger-Regiment an. Annette Leo zeichnet in ihrer Biographie die Blutspur nach

Einige böse E-Mails habe sie schon bekommen, sagt Autorin Annette Leo, weil sie angeblich doch nur wegen der Auflagenzahlen diesen Menschen verunglimpfen würde. Heute stellt die Historikerin ihr Buch "Erwin Strittmatter. Die Biographie" im Palais am Festungsgraben vor. Ein Reizthema. Man weiß jetzt schon, dass die ursprünglich vorgesehenen Räumlichkeiten nicht ausreichen werden. Der 1994 gestorbene Erwin Strittmatter ("Der Laden") war einer der populärsten Schriftsteller der DDR, Schulkinder hatten seinen Jugendroman "Tinko" zu lesen, er war so etwas wie ein Nationaldichter zumindest der Hälfte eines Volkes. Ein Guter im Selbstverständnis. Umso überraschender kam vor vier Jahren die Mitteilung, dass Strittmatter 1941 zur Ordnungspolizei der SS einberufen worden sein soll. War der Schriftsteller etwa mordend und brandschatzend in besetzten Gebieten unterwegs? Seither wird recherchiert.

Annette Leo hat sich für ihre umfassende Biographie direkt an die Familie gewandt. Seine dritte Ehefrau Eva Strittmatter, selbst eine geschätzte Dichterin, war über den Inhalt der nachgelassenen Briefe und Aufzeichnungen so verwirrt, dass sie sie nicht an die Öffentlichkeit geben wollte. Nach ihrem Tod 2011 hat Sohn Jakob anders entschieden und den größten Teil des schriftlichen Nachlasses seiner Eltern der Akademie der Künste überlassen und zuvor einiges der Biografin zu lesen gegeben. Man kann nur mutmaßen, was ihn in tiefster Seele dazu getrieben hat, seinen Vater so endgültig demontieren zu lassen. "Das ist nicht der Vater, den ich kenne", sagt Jakob Strittmatter. Aber der Vater, wissen wir, war mit seinen Kindern ziemlich hartherzig, hart strafend umgegangen. Zu seinen Pferden soll er ein innigeres Verhältnis gehabt haben.

Krakau bleibt ein Geheimnis

Es ist eine Blutspur, die in der neuen Biographie auf knapp 70 von 448 Seiten nachgezeichnet wird. Anfang Oktober 1941 erreichte das Polizeibataillon 325 seinen Standort Krainburg (Kranj) in Slowenien. Der Freiwillige Erwin Strittmatter schreibt seinen Eltern über den "Bandenkrieg". Und weiß: "Die Bewohner hier sehen uns hasserfüllt an. Auf den Dörfern hat man Angst vor uns." Ende des Monats wird die Einheit nach Krakau verlegt.

Für die Historikerin bleibt der Aufenthalt in Polen ein Geheimnis, dass sie nicht lösen konnte. Seine Krakauer Adresse lautet "SS-Totenkopfkaserne". Einen SS-Dienstgrad hatte er nie. Es gibt Vermutungen, dass das Polizei-Bataillon das jüdische Ghetto auf dem rechten Weichselufer bewachen musste. Im ersten Band seines "Wundertäters" beschreibt Strittmatter, wie in einer Nacht auf dem Kasernenvorplatz bärtige Männer mit Gebetsmänteln von schwarz uniformierten "Ariern" ins Feuer gestoßen und beschossen werden. Im Ghetto wurde seinerzeit Jagd gerade auf orthodox gekleidete Juden gemacht.

Was ist Erfindung, was Beobachtung, was Therapie? Strittmatters Bücher werden ohnehin künftig völlig neu gelesen werden müssen. Annette Leo sagt, dass es viel mehr biografische Anspielungen gäbe, als sie vorher dachte. Einige zitiert sie im Buch. Ende des Jahres 1941 kehrt das Polizeibataillon 325 nach Slowenien zurück. Mitte Januar schreibt Strittmatter seinen Eltern: "Hier ging es gleich los. Hinauf in die Berg. Feuergefecht auf Feuergefecht. Bis jetzt hat unser Batl. 67 Tote und viele Verwundete." Gekämpft wird um die Ortschaft Drazgose, das anschließende Massaker gleicht dem von Lidice. Er sei mit einem "blauen Auge" davongekommen, schreibt Strittmatter. Die Jagd auf die "Rebellenbanden" geht weiter, er ist stolz, bei zwei Unternehmen "das Himmelfahrtskommando" geführt zu haben. Irgendwann schreibt er: "Einmal geht auch das alles einem Ende zu. Das aber sage ich schon heute: Glücklicher wird keiner, wenn wir siegen."

Stolz auf reiche Beute

Die Blutspur geht weiter. 1942 meldet sich der gerade zum Oberwachtmeister beförderte Erwin Strittmatter bei den Polizei-Gebirgsjägern in Tirol. Immer wieder mal brüstet er sich der "reichen Beute". Slowenien, Finnland - allein in den Monaten Januar bis Mai 1944 hinterließ das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 eine Spur von Mord und Verwüstung in Mittelgriechenland und in der Hauptstadt Athen, heißt es Leos Buch. Was Strittmatter bei alledem genau gemacht hat, ist nicht bekannt. Die Biografin weiß, dass er an Kampfeinsätzen teilgenommen hat. Was nicht justiziabel sei. Ob er auch Zivilisten erschossen hat, kann sie nicht belegen. Aber man könne es auch nicht ausschließen. Strittmatter selbst behauptete, "dass den ganzen Krieg über keine Kugel meinen Gewehrlauf verließ". 1944 wurde er nach Berlin zur Film- und Bildstelle der "Ordnungspolizei" versetzt und damit zum Nazi-Propagandisten.

Nach dem Krieg begann sein moralisches Doppelleben. Strittmatter habe einer "Schweigegemeinschaft" angehört, erklärt die Biographin. Das verbindet ihn mit seiner Generation, gleichsam in Ost und West. Aber anders als sein Schriftstellerkollege Günter Grass, der sich jenseits der Achtzig doch noch entschloss zuzugeben, dass er als blutjunger Mann zur Waffen-SS gehörte, hat Strittmatter zeitlebens alles verunklart. Beide Literaten haben übrigens ähnliche Bilder für ihre innere Pein gefunden. Der eine, Grass, hat einen kleinen Jungen beschrieben, der einfach nicht erwachsen werden möchte - und für seinen Roman "Die Blechtrommel" den Literaturnobelpreis bekommen. Der andere, Strittmatter, hat mehrfach junge Menschen beschrieben, die nach dem richtigen Weg zum Erwachsenwerden suchen. Gute Sozialisten bzw. Kommunisten helfen ihnen dabei. Für "Tinko" erhielt er den Nationalpreis der DDR. Beide Literaten sollten Unrecht behalten, weder sind Kommunisten die besseren Erwachsenen, noch sind alle Großen schlecht. Im Gegensatz zu Grass hat sich Strittmatter aber nie als Moralist stilisiert, sondern sich eher in seine ländliche Unbedarftheit mit Schiebermütze und Schubkarre zurückgezogen.

Was die Biographin am meisten bei ihren Recherchen überrascht hat? Einerseits das zerrissene, vielschichtige Bild des Autors, sagt Annette Leo, andererseits seine innere Entwicklung, die dazu führte, dass er sich immer weiter von der Partei, der er ja schon frühzeitig beitrat, und vom praktizierten Sozialismus abwandte. Mag sein, dass ihn zuletzt viele Freunde und Verehrer als den wunderlichen Volksautoren von Schulzenhof bei Gransee gesehen haben. Aber er war lange Zeit ein hofierter Mitläufer, zeitweise im Dienste der Stasi aktiv, und einer, der selber überwacht wurde. Er war Bestsellerautor und Verbandsfunktionär. Einer, der ständig Affären und überhaupt viel zu verdrängen hatte.

Am 14. August wäre der aus Spremberg in der Lausitz stammende Autor 100 Jahre alt geworden. Die Ehrungen zu seinem Jubiläum werden knapp ausfallen. In Spremberg hat man schon abgewinkt.

Annette Leo: Erwin Strittmatter. Die Biographie. Aufbau Verlag, 448 Seiten, 24,99 Euro

Lesung und Gespräch Palais am Festungsgraben, Mitte. Heute um 20 Uhr. Eintritt: 5/erm. 3 Euro