Debakel in Bayreuth

Der fliehende Holländer

Debakel in Bayreuth: Der russische Sänger Evgeny Nikitin schmeißt hin - um einen Nazi-Skandal um seine Tattoos zu vermeiden

Er ist längst abgereist. Ein Hauch von Skandal, vom Ungeist bleibt in Bayreuth zurück. Dabei sah es in diesem Sommer so aus, als würden die Richard-Wagner-Festspiele ein ruhiger, unspektakulärer Jahrgang sein. Jetzt werden zur feierlichen Eröffnung am Mittwoch alle über den fliehenden Holländer und seine Nazi-Tattoos reden - oder betreten schweigen. Viel Prominz, gerade auch aus der Politik, wird zur Auftaktpremiere erwartet, zeitgleich läuft die historische Ausstellung "Verstummte Stimmen" über ausgegrenzte und ermordete jüdische Künstler. Es soll ein Stück Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit sein. Dazu passen so gar nicht die neuen Bilder aus Bayreuth, die Nazirunen auf nackten Muskeln zeigen.

Dabei waren gerade die Erwartungen an Evgeny Nikitin, den Holländer-Sänger, groß. Der 38-jährige Bass-Bariton aus Sankt Petersburg sollte der erste Russe sein, der jemals eine Hauptrolle bei den Bayreuther Festspielen singt. "Du kannst dich nicht Wagner-Sänger nennen, bevor du im Festspielhaus den Mund aufgemacht hast", hatte Nikitin vor wenigen Wochen in der Berliner Morgenpost gesagt. Er sagte aber auch: "Es könnte sehr schmerzhaft sein, zu fallen." Jetzt ist er gefallen, noch bevor es richtig losging. Die Festspiele teilten am Wochenende mit, Nikitin habe hingeschmissen. Er wollte einen drohenden Nazi-Skandal abwenden, heißt es.

Umstrittene Tätowierungen

Grund sind umstrittene Tätowierungen auf der Brust des früheren Black-Metal-Musikers, die auch als Nazi-Symbole gedeutet werden können: Auf den Fotos, auf denen Nikitin freizügig posiert, ist auf der linken Brustseite eine germanische Rune zu erkennen, ein senkrechter Strich mit zwei kleineren Strichen, die nach links und rechts oben zeigen. Nun ist in Wagners Opern auch oft von Runen die Rede, aber Nikitins Symbol weckt rückblickend andere Assoziationen: Diese "Elhaz" oder auch "Algiz" genannte Rune war in Nazi-Deutschland ein Symbol für den Beginn des Lebens und spielt bis heute eine Rolle in der Neonazi-Szene. Die Lebensrune wurde früher von der SS-Organisation "Lebensborn" und der NS-Frauenschaft genutzt. Die Verwendung der Rune ist heute nicht strafbar. Der Pfeil mitten auf der Brust zeigt die sogenannte Kampf- oder Tyr-Rune. Fachbuchautor Volker Koop ("Hitlers Germanenwahn") erklärte der "Bild am Sonntag", dass diese Rune "das Kennzeichen einer SS-Freiwilligendivision und Auszeichnung für die Absolventen der Reichsführerschulen" war.

Problematischer aber ist ein anderes, größeres Tattoo: In einem Youtube-Video ist der russische Sänger in älteren Aufnahmen zu sehen. Dort prangt auf der rechten Brustseite ein großes schwarzes Zeichen, das einem Hakenkreuz sehr ähnlich sieht. Dessen Umrisse sind heute nicht mehr zu erkennen - auf aktuellen Bildern trägt Nikitin an derselben Stelle ein buntes Wappen mit schwarzem, sternförmigem Rahmen. In den vergangen Tagen hatten verschiedene Medien die Festspiele mit Fragen zu den Tätowierungen konfrontiert. Die Leitung reagierte: Sie bestellte deshalb Nikitin am Sonnabend zu einer halbstündigen Unterredung ein, in der offenbar wenig Verständnis für seinen Runenzauber geäußert wurde, jedenfalls erklärte er danach seinen Rücktritt.

In seiner öffentlichen Mitteilung heißt es: "Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen. Darum habe ich mich entschieden, auf meinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen zu verzichten."

Die "Bild am Sonntag" zitierte ihn außerdem mit der Aussage, seine Tätowierungen "haben für mich überhaupt keine politische, sondern nur eine spirituelle Bedeutung. Ich war nie Teil einer politischen Partei und bin es auch heute nicht." Die Motive habe er "in Büchern über nordische Mythen und aus Tattoo-Shop-Katalogen" ausgesucht.

Es mag sein, dass Nikitin wirklich nicht (oder nicht mehr) mit rechtem Gedankengut sympathisiert. Aber darauf kam es nicht mehr an. Vor dem Hintergrund der historischen Altlasten Bayreuths als Hochaltar Hitlers und frühere Bastion des Antisemitismus hätten Nikitins Runen-Fotos eine unkontrollierbare Eigendynamik bekommen. Der Grüne Hügel hatte keine andere Wahl, als zu handeln - und in Kauf zu nehmen, eine hinreißende neue Stimme zu verlieren.

Krisenmanagement also gelungen - aber trotzdem wird es die Leiterinnen und Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier treffen, dass die Pleiten in ihrer Regentschaft einfach nicht aufhören wollen. Die letzte Saison war bereits überschattet von künstlerischen Problemen und wirtschaftlichen Rückschlägen wie dem Ausstieg des Hauptsponsors Siemens. Jetzt floppt ausgerechnet eine der wenigen Top-Personalien, die direkt auf das Konto der beiden Wagner-Urenkelinnen gehen und nicht schon vom früheren Festspielleiter Wolfgang Wagner engagiert wurden: Nikitin wurde 2010 von Katharina Wagner und Dirigent Christian Thielemann persönlich gecastet. Hätten die Festspiele bei diesem exotischen, über und über tätowierten Mann und ehemaligem Black-Metal-Schlagzeuger näher hinschauen und Fragen zu seiner Vergangenheit stellen müssen? Hätte man ihm zumindest Auflagen erteilen sollen, sich im Vorfeld der Festspiele nicht allzu freizügig fotografieren zu lassen? Die Leitung ließ lediglich mitteilen: "Es wird eine Stimme engagiert, ein Sänger." Es werde bei Besetzungen nicht überprüft, "was jemand auf der Haut trägt". Nazi-Assoziationen auf dem Grünen Hügel - alles in allem jedenfalls der denkbar schlechteste Start für die neue Festspielsaison. Und "Holländer"-Regisseur Jan Philipp Gloger hat bereits vorsorglich auf die "künstlerische Beschädigung der Inszenierung" hingewiesen - selbst nach Einarbeitung eines Ersatzes. Recht hat er.

Fliegender Wechsel

Die Rolle des "Holländers" wird nun der Koreaner Samuel Youn im fliegenden Wechsel übernehmen. Der Bariton studierte Gesang in Seoul, Mailand und an der Musikhochschule Köln. Seit 1999 gehört er zum Ensemble der Oper Köln. Bei den Bayreuther Festspielen sang er seit 2004 unter Pierre Boulez in "Parsifal" und in "Tannhäuser" unter Christian Thielemann sowie als Heerrufer in "Lohengrin" unter Andris Nelsons. An der Deutschen Oper Berlin wird er am 27. Mai 2013 unter Leitung von Donald Runnicles den Holländer singen. In Bayreuth ist der Holländer seine erste große Rolle.

Evgeny Nikitin wird die Premiere nicht verfolgen, er ist weg. Sein wildes Aussehen, das ihn im internationalen Operngeschäft so unverwechselbar machte, hat ihm nun die ganz große Chance geraubt. "Ich habe mir die Tattoos in meiner Jugend stechen lassen", sagte er vor seiner Abreise. "Es war ein großer Fehler in meinem Leben und ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte." Seine Karriere in Deutschland dürfte beendet sein.