Geitels Geschichten

Ein mäßig moderner Theaterverwalter

Ernst Legal versuchte sich in Berlin als Schauspieler und Intendant

Die Dame, die mir und anderen Hörern am 10. Februar 1940 im Beethoven- Saal einen Liederabend offerierte, war mir herzlich unbekannt. In ihrer Begleitung aber erspähte ich einen kahlköpfigen Herrn mit sehr eindrucksvoll verknautschtem Profil, den ich schon oft auf der Bühne des Staatstheaters und des Schiller-Theaters, das damals Heinrich George leitete, gesehen hatte. Er gehörte zu den unentbehrlichen Chargen-Spielern des Hauses, die Gustaf Gründgens um sich versammelt hatte. Er hieß Ernst Legal, und ich stürzte mich mit meinem Autogrammbuch auf ihn.

Erst viele Jahre später lernte ich, was für einen Fang ich gemacht hatte. Hinter ihm lag damals schon eine imposante Karriere, vor ihm eine weitere. Er wurde 1945 für sieben verflixte Jahre Intendant der Staatsoper, die damals im Admiralspalast untergekrochen war.

Im "Sommernachtstraum", den Heinrich George auf der Freilichtbühne von Friedrichshagen in Szene gesetzt hatte, war Legal die wunderbare Rolle des "Squenz" zugefallen, des vollstimmigen Zimmermanns, der den Trupp von Amateurkomödianten anführen darf und unversehens Hippolyta, die Amazonenkönigin, für sich entflammt sehen darf. Allerdings hat Puck ihn zuvor in einen Esel verwandelt. Legal spielte seine doppelt ausgeflippte Rolle in heiterer Herrlichkeit. Er war von Anfang Witzbold und Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter in einem.

Er war so etwas wie der unentbehrliche Mann vom Bau. Als ich ihn wiedersah nach dem Kriege, war er zum Intendanten der ehemals Preußischen Staatstheater aufgestiegen. Er hatte sich über die Jahrzehnte hin allmählich nach Berlin heraufgespielt, von Kopf bis Fuss ein Theatermann, dem nichts Furcht einflössen konnte, nicht einmal ein Feuerkopf wie der Dirigent Otto Klemperer. Der hatte nur ein einziges Ziel: gutes Theater zu machen. Das aber erwies sich als schwierig: die neu gegründete Krolloper besaß gar keinen eigenen Etat. Sie war finanziell von der Linden-Oper abhängig, und die regierte Heinz Tietjen. Gegen den hatte nun Klemperer anzukämpfen, unterstützt dabei, so gut es ging, von Ernst Legal. Der hatte immerhin schon Bautzen, Ruhla, Bochum, Bonn, Weimar, Wiesbaden abgeklappert und war dabei höher und höher gestiegen. Er hatte es zum Dramaturgen, Regisseur, Theaterleiter gebracht. Nun hatte man ihn 1928 für zwei Jahre Klemperer an der Krolloper zugesellt. Keine leichte Aufgabe. Sie war wohl auch nicht zu erfüllen. Legal sah sich versetzt; natürlich nach oben: Er wurde Intendant des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt, bevor Gründgens dort Stellung bezog. Erst nach dem Krieg war wieder ein Berliner Pöstchen für Legal frei: er übernahm die Leitung der Staatsoper im Admiralspalast. Höher ging's nimmer; aber schwieriger auch nicht.

Schließlich war Legal, wie Arthur Maria Rabenalt es sehr richtig erkannt hatte, nichts anderes als "die Verkörperung eines mäßig modernen Theaterverwalters". Die Russen darauf bedacht, koste es, was es wolle, das kulturelle Leben Berlins nach dem Krieg im Eilschritt neu zu beleben, investierten all ihre Kraft zu allererst in die Staatsoper, und zu ihrem Intendanten ernannten sie Ernst Legal. 1955 ist er im Alter von 75 Jahren gestorben.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern