Kunstsache

Ein Drucker für alle Fälle

Tim Ackermanns wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Wenn ich mich zufällig mal nicht mit Kunst beschäftige, schaue ich mir gern "The Big Bang Theory" an. In dieser lustigen Fernsehserie geht es um vier Physikgenies in Los Angeles. Die jungen Männer sind echte Nerds. Ein Nerd zu sein, bedeutet vom wahren Leben keine Ahnung zu haben, weil man sein hoch entwickeltes Hirn ausschließlich dazu nutzt, völlig überflüssige Dinge anzustellen. Zum Beispiel Laserschranken-Schach spielen, einen Marsroboter programmieren oder sich auf Klingonisch unterhalten. (Wenn Sie nicht wissen, was Klingonisch ist, haben Sie nicht mal ansatzweise das Zeug zum Nerd.) In dieser Woche habe ich mir drei Ausstellungen angeschaut, die im besten Sinne des Wortes ein nerdiges Feeling haben. Als Einstieg bot sich eine Gruppenschau in der Galerie Kraupa-Tuskany, in der Themen wie digitale Bildproduktion oder Klonen künstlerisch okkupiert werden. Die "Interessanten Theorien" von Adriana Lara sind zum Beispiel nicht genauer benannte aber anscheinend hochkomplexe Gedankengänge, die sich in vereinfachte Diagramme übersetzen und dann als Bild auf dem Computer darstellen lassen. Die Ausdrucke der Mexikanerin zeigen merkwürdige weiße Liniengebilde auf schwarzem Untergrund. Peter Coffin demonstriert daneben einen der wenigen gelungenen künstlerischen Einsätze eines neuartigen 3-D-Druckers. Der Amerikaner hat einen simplen Herrenschuh gescannt und das Bildprogramm mit einer Theorie über die Entwicklung von Embryonen aus dem 19. Jahrhundert manipuliert. Ausgespuckt hat der Drucker danach ein Objekt, dass nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem Original hat: An seiner Ferse hat sich eine große Beule aufgebläht und vorne ist es extrem spitz. Ein echter Nerd-Fetisch dürfte dagegen das Plakat sein, das der bekannte Memphis-Designer Ettore Sottsass einst für Olivettis Philos 44, einen der ersten Laptops, schuf. Der Apparat ist zusammen mit einer griechischen Statue abgebildet. Es ist schwer zu sagen, welches der beiden Objekte aus heutiger Sicht antiker wirkt. (Bis 4. August, Karl-Liebknecht-Straße 29, 4. Stock, Mitte)

Im Universum eines Nerds gibt es feste Regeln: Microsoft Windows verhält sich zu Linux wie der Todesstern von Darth Vader zur interplanetarischen Rebellenarmee. Kein aufrechter Programmierer, der nicht dem offenen Betriebssystem Linux seine Treue schwört. Linux hat sich aus Unix entwickelt, das wiederum seinen Ursprung 1969 in einem System namens Unics hatte. Der französische Softwareentwickler und offensichtliche Obernerd Éric Lévenez hat den Stammbaum der Betriebssystemfamilie bis in seine feinsten Verästelungen erforscht. Daraus entstand ein überraschend komplexes Schaubild und das hat und Justus Köhncke nun mithilfe einer Musiksoftware in Töne konvertiert. In der Galerie Cinzia Friedlaender erklingt in einem leeren Raum über einen Verstärker und zwei Boxen diese Hymne des internationalen Nerdtums. (Bis 11. August, Potsdamer Straße 105, Schöneberg) Sammler haben oft auch etwas nerdiges: Mit dem Phänomen des zwanghaften Bewahrens überflüssiger Dinge beschäftigt sich Alan Kane. Als Gast bei BQ präsentiert der englische Künstler ausgefallene Sammlungen, wie die des Londoner Fußballtrainers Jack Harrisson, der ausschließlich Spielkarten aufhebt, die er zufällig auf der Straße findet. (Ihm fehlen noch zehn Stück zu einem kompletten Kartensatz.) Selbiger Herr Harrisson kauft auch sofort jedes Exemplar des Michael-Jackson-Album "Bad", das ihn aus Zufall in die Finger gerät. Offensichtlich hat ihn Fortuna erst ein halbes Dutzend Mal beglückt. In einem Regal stehen sorgsam aufgereicht, hunderte Kaffeebecher im "rustikalen Dekor", die Lynda Morris aus englischen Second-Hand-Läden "gerettet" hat. Das Nerd-Virus befällt eben manchmal auch englische Ladies. (Bis 18. August, Weydingerstraße 10, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien