Fortsetzung

Ring frei für den großen Kampf um einen Boxer-Film

Rechtsstreit um die Fortsetzung von "Wie ein wilder Stier"

Als Hollywood zu Beginn der Dreißigerjahre einen Gangsterfilm namens "Scarface" ankündigte, war man in Chicago äußerst beunruhigt. "Scarface" heißt Pockengesicht, und das berühmteste Narbengesicht der Nation war Al Capone. Der schickte einen Emissär mit weißem Hut, schwarzem Band und Nadelstreifenanzug, und der richtete aus, sein Boss wolle den Film sehen. Regisseur Howard Hawks erwiderte, wenn er das wolle, müsse er zur Kinokasse gehen und eine Karte kaufen. Eine Weile lang lebte das Filmteam in der Angst, ein paar energisch aussehende Figuren könnten auftauchen und der Produktion gewaltsam ein Ende bereiten.

Die alte Geschichte kommt einem in den Sinn, hört man von den aktuellen Schwierigkeiten eines neuen Films über einen anderen, sagen wir, schwierigen Kunden. Dessen Renommee gründet auf ungezügelter Aggressivität, krankhafter Eifersucht und Fausthageln im Nahkampf; er hat sechs Ehefrauen verschlissen, und sein Bruder redete jahrelang nicht mehr mit ihm, nachdem Jake LaMotta selbst ihn gewaltsam traktierte.

Die Geschichte des Boxers LaMotta wurde 1980 in "Raging Bull" ("Wie ein wilder Stier") verfilmt, und Robert De Niro fraß sich in den feinsten Pariser Restaurants binnen vier Wochen 55 Kilo an (um den späteren LaMotta darstellen zu können) und gewann zur Belohnung einen Oscar. Drei Jahrzehnte lang hat Martin Scorseses Film allen Versuchen widerstanden, ihm eine Fortsetzung anzuhängen, weil sich alle vor dem Vergleich mit dem Original fürchteten, aber nun ist es doch geschehen. "Raging Bull II" ist Vor- und Nachgeschichte, Jugend sowie Leben nach dem Ring - und ein B+-Projekt; der argentinische Regisseur Martin Guigui hat bisher erst einen mittelmäßigen Psychothriller abgeliefert, mit William Forsythe, Paul Sorvino und Natasha Henstridge wirken allerdings solide Darsteller mit.

Dennoch hat MGM Klage eingereicht: LaMotta, auf dessen zweiter Autobiografie das Sequel beruht, habe den Stoff nicht zuerst dem Studio angeboten; dazu sei er jedoch laut dem Vertrag zum Originalfilm verpflichtet gewesen. Die Anwälte verlangen nichts weniger als die sofortige Einstellung der Dreharbeiten, was es selbst in der klagenverseuchten Filmindustrie wohl noch nie gab. Selbst als vor vier Jahren Warner und die Fox über die Rechte an der "Watchmen"-Verfilmung stritten, gab es keine derart radikale Forderung. Die Fox drohte stattdessen, den Vertrieb des fertigen Films zu verhindern, und gab sich schließlich mit einem Gewinnanteil zufrieden.

Doch falls das Landgericht in Los Angeles den Klägern Recht gibt, könnten wirklich ein paar energisch aussehende Figuren auftauchen und der Produktion ein gewaltsames Ende bereiten. Allerdings dürfte Jake LaMotta nicht persönlich erscheinen. Der ist inzwischen 91.