Kater Holzig

Bier, Trick, Bier, Trick, Bier, Trick

Telepathie, Hypnose und Psychomagie sollen im Kater Holzig vereint werden. Spaß oder Schwindel? Oder beides?

Ungelogen, vom Hackeschen Markt sieht es wirklich so aus, als ob der Regenbogen direkt hinter der Jannowitzbrücke enden würde. Das hieße so ziemlich genau beim Kater Holzig. Genau dort findet diese Telepathie-, diese Gedankenleser-Show statt. "Trance - Der Trip in deinen Kopf!" heißt die Veranstaltung, die zum dritten Mal in dem sonst so technoiden, weltvergessenden Club gastiert. Und weil die ersten Vorstellungen so erfolgreich waren, machen die Veranstalter das jetzt noch mal. Sie sind wieder ausverkauft.

Um kurz vor neun kann man ganz ohne Schlange stehen den Komplex in der Michaelkirchstraße 23 betreten. Im Restaurant wird geschmorte Uckermärker Rinderbrust nebst in Butterhonig glasierten Fingermöhren gereicht, ein Müritz-Saibling steht auch auf der Karte. Unten aber, im Kater Theater, trinken sie nur Bier. Im schummrigen Licht sitzen die erwartungsvollen Gäste, schauen auf die rollenden und klimpernden, schwarzen Augen mit den winzigen Pupillen, die ein Beamer auf die Leinwand wirft. Es werden gut einhundert Menschen sein. Die hypnotisierende House-Musik, der immer wiederkehrende Rhythmus mit dem gewollten Oberton-Übersteuern bereitet sie vor.

Als sie dann bereit sind, wechselt die Musik. Roman Maria von Thurau und seine Vivian betreten die kleine Bühne im Western-Saloon-Setting. Der House weicht einer Geigenmelodie und die Augen werden durch schwarz-weiße Comic-Strips vertrieben. Die Künstler nennen das "Art-Noir", das stimmt auch. Es wirkt wie eine Mischung aus Art déco und Film Noir. Sich küssende Menschen verwandeln sich in Eulen und Füchse ohne irgendwie peinlich zu wirken. Natürlich heißen die beiden in Wahrheit ganz anders. Vielleicht Stefan und Petra.

Vivian erzählt über ihre Kindheit in Brasilien. Eine stimmungsvoll unheimliche Musik streift ihre so zart verführende Stimme. In einem Callcenter würde sie die richtig dicken Provisionen einstreichen. Sie habe eine Indianerin als Kindermädchen gehabt. Vivian berichtet von Verwandlungen, vom Fliegen, von Übernatürlichem. Ihr Haar ist zu einem blondierten Seitenscheitel, wie Sonja Zietlow ihn trägt, frisiert. Er trägt einen schmierigen Nadelstreifenanzug mit weißer Weste und weißer Krawatte. Ein wenig Nebel und das Duo pickt erste Freiwillige raus.

Die junge Frau soll sich ein Land in Europa "Westen oder Osten, Süden oder Norden" vorstellen. Ganz fest daran denken. Vivian hat die Augen verbunden. Die Zuschauerin steht zwischen den Sitzenden. Die machen es sich auf schönen, alten Stühlen mit Messing und Samt bequem und schauen hoch. "Die Person ist nach Westen gereist", flüstert Vivian. In diesem Moment denkt man daran, wie einen das private Nachmittagsprogramm vor solchen Hellsehern warnt. Der rechte Handrücken berührt ihre Stirn. Sehr wirkungsvoll setzt sie nach: "Nach Süden. Es ist Italien". Die Dame kann es nicht fassen. Alle klatschen. Der Trick hat funktioniert.

Vielleicht ja einfach nur Glück. Viele wollen ja nach Italien. Dann rät Vivian munter Gegenstände, die Menschen aus ihren Taschen herausgekramt haben. Noch immer sind ihre Augen verbunden und man kann keine Kamera, keinen Knopf im Ohr, keinen doppelten Boden ausmachen. "Bierflasche, Feuerzeug, Tic Tacs, ein Stadtplan" - Vivian ist richtig gut, der Applaus schmeichelt ihr. Und so geht das weiter.

Kartentricks. Der beliebte Pistolen-Durchschauer - Vivian weiß, welcher Revolver geladen ist, und bewahrt Roman Maria vor einem Kopfschuss. Das obligatorische "Ich rate Dein Geburtsdatum". Weil alle immer mehr Bier trinken, klatschen sie auch mehr. Das spornt Vivian an, eine Plastik-Tüte schwebt. Und ehrlich, da ist kein Faden, kein Ventilator. Und man überlegt, vielleicht ein Wasser zu trinken.

Nach der Pause erraten sie sogar die in Zettel geschriebenen Geheimnisse der Gäste. Das könnte den ganzen Abend so weiter gehen: Bier, Trick, Bier, Trick, Bier, Trick. Aber am Ende verneigen sie sich. Ohne es wirklich zu bemerken, sind sie fort. Im Kater läuft wieder House. Alle sind verblüfft. Was für ein Trip.