Ausstellung

Zertrümmerte Klaviere und verschwiegene Künstler

Die Fluxus-Ausstellung in der Akademie der Künste zeigt eine der provokantesten Kunstrichtungen der Nachkriegszeit

"Die Irren sind los ...", hatte 1962 ein Zuschauer auf das Plakat geritzt, das für das Festival "Fluxus - Internationale Festspiele Neuester Musik" in Wiesbaden warb. An nur vier Wochenenden fanden im Vortragssaal des städtischen Museums 14 Konzerte statt. Die allerdings brachen vollkommen mit der landläufigen Auffassung von Hochmusik und sollten zuletzt gar in der Zertrümmerung eines Konzertflügels kulminieren. Ein Skandal für den braven Bürger - und die Geburtsstunde der Fluxus-Bewegung, die hier erstmals unter diesem Namen in der Öffentlichkeit auftrat.

Initiator war der Begründer von Fluxus, der gebürtige Litauer George Maciunas. Er war 1961 nach Wiesbaden gezogen und rief dort die Festspiele ins Leben, um die Aufmerksamkeit auf ein internationales Kunstmagazin zu lenken, das er schon in New York geplant hatte. Das Magazin ist längst in Vergessenheit geraten, die spektakulären Fluxus-Ereignisse, die sich danach in ganz Europa etablierten, sind hingegen im Gedächtnis geblieben.

Schon auf das erste Festspiel hatte Maciunas europäische Avantgarde-Musiker und einige junge Amerikaner eingeladen, die sich um den amerikanischen Komponisten und Musiktheoretiker John Cage scharten. Dieser hatte mit seinen Experimenten die Musik revolutioniert, indem er Elemente wie Zufall, Stille und Geräusche mit in seine Kompositionen aufnahm - eine permanente Erweiterung des Klangmaterials. Exemplarisch für seine Auffassung steht sein Klangstück "4'33", bei dem ein Pianist angewiesen ist, vier Minuten und 33 Sekunden auf der Bühne zu sitzen, ohne die Tasten des Klaviers zu berühren. Die Komposition besteht allein aus einer ausgedehnten Pause und den zufälligen Geräuschen aus dem Publikum wie Husten, Räuspern oder Ähnlichem - eine Meditation über Musik und Stille. Will man das Phänomen Fluxus bestimmen, so kann man von einer von der Experimentalmusik inspirierten Aktionskunst sprechen, die sich darauf konzentriert, einfache Alltagshandlungen in eine Kunstform zu überführen.

In der aktuellen Ausstellung in der Akademie der Künste unter dem Titel "'Die Irren sind los ...' Fluxus-Ereignisse in Europa 1962-1977" sind etliche Künstler mit Instruktionen in Schriftform vertreten, die das Publikum - das so zum Bestandteil eines Fluxus-Werkes wird - zu einer banalen, bisweilen absurden Handlung auffordern. Alison Knowles bittet den Betrachter in "Add Your Own Thing", die Ausstellung durch etwas Persönliches zu bereichern. Larry Miller regt an, von Zeit zu Zeit ein eingesperrtes Tier zu besuchen, und Georges Brecht, ein Radio einzuschalten, das beim ersten Klang sofort wieder abgeschaltet werden soll. Auf eine bis zu zwei Stunden dauernde Wanderung durch den Ausstellungsraum lädt Eric Andersen die Besucher ein, die einen Kompass samt Schrittanleitung erhalten, als Choreografie für ihre Bewegung im Raum, die sie schließlich an den Ausgangspunkt zurückführen soll. "Sofern man sich sehr präzise bewegt", betont der Künstler. "Die Bewegung, die Sinneseindrücke, Gerüche und Begegnungen auf dieser Wanderung machen das Kunstwerk aus."

Da es bei den Fluxus-Werken um sinnliche Erfahrungen geht, um das provokante Auslöschen der Grenzen von Kunst und Leben, mussten sich die Ausstellungsmacher rund um die Kuratorin Petra Stegmann ein Konzept ausdenken, das diese Erfahrung auch ermöglicht. Abgesehen von den Instruktionen für eigene Aktionen dokumentiert eine Installation mit an schwarzen Fäden aufgehängten Karten die Fluxus-Aktionen auf verschiedenen Festivals zwischen 1962 und 1977 in ganz Europa. Auf der Vorderseite sieht man eine fotografische Dokumentation, auf der Rückseite steht die Instruktion zur Ausführung der jeweiligen Handlung.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten. "Die Irren sind los ..." Fluxus-Ereignisse in Europa 1962-1977. Bis 12. August.